Bayern 2 - Land und Leute


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Rosa Luxemburg Eine Spartakistenführerin in Altötting

Kann man sich die Rote Rosa Luxemburg in Altötting vorstellen? Dort soll sie einmal untergetaucht sein. Eine Spartakistin im Wallfahrtsort der Schwarzen Madonna? - Altöttinger Recherchen von Thomas Grasberger zur Räterepublik in der bayerischen Provinz.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 15.08.2017 | Archiv

Altötting hat schon viele Prominente gesehen. Kaiser, Könige, Herzöge, Feldherrn und Päpste haben den oberbayerischen Wallfahrtsort besucht. Aber was Anfang 1919, fünf Tage nach der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, in der Lokalzeitung "Die Freie Volksstimme" zu lesen stand, überrascht doch ein wenig.

Für Rosa Luxemburg war Altötting der "schwärzeste Winkel" von ganz Deutschland

"Altötting, 20. Januar. Von allgemeinem Interesse dürfte es sein, dass die berüchtigte, auf so tragische Weise ums Leben gekommene Spartakistenführerin Rosa Luxemburg sich längere Zeit in Altötting aufgehalten hat. Nicht als ob sie zum Wallfahrten gekommen wäre, sondern vor der sie verfolgenden Polizei zu retten [sic!], hatte sie sich in einer Fremdenpension in der Neuöttingerstr. einlogiert, unter falschem Namen natürlich. Sie rühmt sich später selbst in ihren Briefen, dass sie zu der Zeit, als in ganz Deutschland die Polizei nach ihr fahndete, im 'schwärzesten Winkel' von ganz Deutschland, wie sie Altötting geschmackvoll nennt, sich aufgehalten habe. - Dem Arm des irdischen Richters hat sie sich dortmals zu entziehen gewusst, nun hat sie aber doch das Urteil eines Höheren erreicht."

(Aus 'Die Freie Volksstimme', Altöttinger Zeitung)

Die Botschaft des "kommunistischen Urchristentums"

Rosa Luxemburg mit ihrem Ehemann Gustav Lübeck (1898)

Woher hatte der Redakteur, der sich angesichts eines Doppelmordes einen solch zynischen Kommentar nicht verkneifen konnte, Kenntnis von Luxemburgs Anwesenheit in Altötting? Wann war sie da? Wie lange? Und wo hat sich Luxemburg versteckt? Wo sonst in Bayern war sie noch?

Der angebliche Aufenthalt der Freidenkerin in Bayerns berühmtestem Wallfahrtsort bekommt zusätzlich Brisanz durch den Umstand, dass Luxemburg schon in einem 1905 veröffentlichten Aufsatz über "Kirche und Sozialismus" dem Klerus u. a. die Botschaft des "kommunistischen Urchristentums" entgegengehalten hatte.

In dem Aufsatz hatte sie die Frage diskutiert, wie aus einem kommunistischen Urchristentum eine ausbeuterische Kirche der Reichen und Mächtigen werden konnte. Obwohl diese doch eigentlich auf Seiten des Proletariats stehen müsste, ...

"... denn die Lehre Christi, deren Diener die Priester sind, sagt doch, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt!"

(Rosa Luxemburg aus 'Kirche und Sozialismus')


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