Bayern 2 - Land und Leute


12

Olympia-Attentat Das Ende der heiteren Spiele in München 1972

Norbert Haberger wirft einen neuen Blick auf das Münchner Olympia-Attentat vom 5. September 1972, bei dem palästinensische Terroristen Sportler der israelischen Olympia-Mannschaft als Geiseln nahmen. Ein Anschlag, der mit dem Tod von 17 Menschen endete.

Von: Norbert Haberger

Stand: 01.10.2017 | Archiv

München im Sommer 1972. Ein Traum, der für ein paar Tage Wirklichkeit ist. In der ganzen Stadt herrscht eine nie dagewesene Euphorie:  Hundertausende Besucher aus der ganzen Welt flanieren durch die Stadt, von den Einheimischen freundlich begrüßt. München, die ehemalige "Hauptstadt der Bewegung", präsentiert sich weltoffen, modern, friedliebend. Die XX. Olympischen Spiele sollten als "Fest des Friedens" in die Geschichte eingehen.

"Die ersten Tage war eine tolle Stimmung, wir waren alle mitgerissen von der Fröhlichkeit der Spiele und wir haben uns Mühe gegeben, um die Gäste am Flughafen gut zu versorgen. Ich war ja am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck stationiert."

(Axel Kaiser, ehem. Sanitäter bei der Bundeswehr)

"Wie wir dann Streife gelaufen sind, dann hat man sich so mit den Gästen unterhalten was sie sich von den Spielen erwarten, und die waren alle so gelöst und erwartungsvoll. Wie werden die Spiele ausgehen? Wieviel Medaillen werden wir holen?"

(Andreas Zenglein, ehem. Bundesgrenzschutzbeamter)

Wenn der Sanitäter Axel Kaiser und der Bundesgrenzschützer Andreas Zenglein an die Spiele von '72 denken, haben sie auch andere Bilder im Kopf - Bilder vom Attentat auf die israelische Olympiamannschaft. Und vom völlig missglückten Versuch, die Geiseln zu befreien.

Gescheiterte Befreiungsaktion

Das von Polizeiverbänden hermetisch abgeriegelte Olympische Dorf am 5. September 1972

Am 5. September 1972 nehmen palästinensische Terroristen Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft als Geiseln. Insgesamt sterben 17 Menschen, auch deshalb, weil die Befreiungsaktion durch Polizei und Bundesgrenzschutz scheitert.

"Ich weiß noch ganz genau, wie die Geiseln mich erwartungsvoll angeguckt haben, aber ich konnte ihnen nicht helfen. Die haben noch gelebt, sie saßen gefesselt in der Maschine ich sehe noch die grünen Jacken, die sie anhatten, das weiße Hemd und auch die Einschüsse hab ich gesehen, wie sie geblutet haben."

(Axel Kaiser, ehem. Sanitäter bei der Bundeswehr)

Wrack eines Hubschraubers des Bundesgrenzschutzes auf dem Militärflughafen von Fürstenfeldbruck (06.09.1772)

"Wir haben dann die zerbombten Hubschrauber gesehen. Und die Leichen, die in den Hubschraubern waren, und wie dann vom Kriminalamt die Beamten rumgegangen sind und mit Pinzetten Körperteile aufgelesen haben. Diese Bilder vergisst man nie."

(Andreas Zenglein, ehem. Bundesgrenzschutzbeamter)

Terror mit konkreten Zielen

Die Terroristen hatten damals konkrete politische Ziele - ganz anders als die pseudoreligiös motivierten Attentäter in jüngster Zeit. Es bestand die Option zu verhandeln. Ihre Forderungen warfen sie in Form eines Papierfetzens aus dem Fenster. Über 200 in Israel inhaftierte Palästinenser sollten unverzüglich freigelassen werden, dazu die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

"The games must go on!"

IOC-Präsident Avery Brundage (1972)

Die Polizisten waren für den Einsatz in keiner Weise vorbereitet, geschweige denn ausgebildet. Ein Debakel.
IOC-Präsident Avery Brundage lässt die Olympischen Spiele nach einer nur eintägigen Unterbrechung mit dem Satz "The games must go on!" fortführen. Doch der Traum vom Fest des Friedens ist zum Albtraum geworden.

"Wie jeder Mensch ungefähr weiß, was er am Tag von 9/11 in New York gemacht hat, gilt das eben auch für diejenigen, die es miterlebt haben, für den 5. September 1972."

(Matthias Dahlke, Historiker)

Eigentlich war der Anschlag vorauszusehen

Der Historiker Matthias Dahlke hat sich eingehend mit dem Attentat auf Olympia 1972 beschäftigt. Er ordnet es ein in eine Reihe von Anschlägen, die davor und danach von international operierenden Terroristen verübt wurden. Eigentlich war der Anschlag vorauszusehen. Bis heute unverständlich,  wie unvorbereitet Sicherheitsbehörden und Politik damals waren.

"Es gab zwar Sicherheitsvorkehrungen, die gingen aber eher in Richtung Katastrophenschutz oder Schutz vor Demonstrationen. Insgesamt kann man sagen, dass die deutsche Innenpolitik bestimmt war vom Linksterrorismus der RAF, der Baader-Meinhof-Gruppe. Den internationalen Terrorismus hatte man da sozusagen nicht auf dem Schirm."

(Matthias Dahlke, Historiker)

Erinnerungsort für die Opfer des Attentats

Neu eröffnetes Denkmal für die Opfer der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972

45 Jahre nach dem Attentat wird jetzt im Münchner Olympiapark ein Erinnerungsort eröffnet. Norbert Haberger wirft in seiner Sendung einen neuen Blick auf die Ereignisse von 1972.

Buchtipp:

Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus:
Drei Wege zur Unnachgiebigkeit in Westeuropa 1972-1975

(Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 90)

  • Autor: Matthias Dahlke
  • Gebundene Ausgabe: 472 Seiten
  • Verlag: De Gruyter Oldenbourg (7. September 2011)
  • ISBN-10: 3486704664
  • ISBN-13: 978-3486704662

12