Bayern 2 - Land und Leute


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Fritzi Massary Fundstücke aus ihrem Nachlass

Fast dreieinhalb Jahrzehnte lagen in einem Keller in Waldtrudering bei München tausende Briefe, Manuskripte, Fotos, Abrechnungen. Dokumente, die vom Leben einer jüdischen Künstlerfamilie erzählen, quer durch die kulturellen Glanzzeiten und politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Renate Eichmeier sichtete Fundstücke aus dem Nachlass der Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary und ihrer Tochter Liesl Frank.

Von: Renate Eichmeier

Stand: 13.08.2017 | Archiv

"Hotel Adlon, den 9. Mai 1924. - Geliebtes Liesl: Ich habe rasend zu tun, daher muss ich den Brief an Dich diktieren. Also: Ich fahre Montagabend über Zürich nach Genua, von dort per Schiff nach Palermo. Dann werden wir weiter sehen. Bin, wenn alles gut geht, gegen den 3. oder 4. Juni bei Dir. (...) Teile alles so ein, wie ich es gewohnt bin. (...) Ich verlasse mich ganz auf Dich. Du kannst mir dieses Mal deine Tüchtigkeit beweisen. (...) Unzählige Millionen Küsse Deine Mutti."

(Fritzi Massary)

Eine schwierige Mutter

Fritzy Massary in "Die Csardasfürstin" (um 1916)

Fritzi Massary war schon im Kaiserreich ein Star, in den Goldenen Zwanzigern war sie Kult: berühmt, hochbezahlt, vielbeschäftigt.

Die Operettendiva mit dem jugendlichen Image war eine schwierige Mutter. Anlässlich eines Besuches bei ihr im Jahr 1923, klagte die 20‑jährige Liesl ihrem zukünftigen Mann, dem Schriftsteller Bruno Frank: "Ich darf keinen sehen, keiner darf wissen, dass ich da bin." Damit die Leute nicht sagen: "Die heiratsfähige Tochter der Massary ist hier."

Liebesgeständnisse von Bruno Frank an Fritzi Massarys Tochter Liesl:

Bruno und Liesl Frank

"Feldafing, 20.6.23.
Ich beschäftige mich unendlich viel mit Ihnen. Mit einem ‚Flirt’ hat das wenig Ähnlichkeit. (...) Es ist eine große wichtige Freundschaft, eine sehr zärtliche freilich, erfüllt von lauter guten Wünschen und innigen Gedanken für Sie. Dass Sie ein junges fesches Mädel sind und im Dirndl zum Anknabbern aussehen, hat gewiss auch eine Bedeutung dabei, ich bin ja nicht unempfänglich für weiblichen Reiz, aber die Hauptsache sind schon andere Dinge: Ihr festes und gütiges, junges Herz und ihr klarer, unverbildeter Verstand. (....)"

Briefe von prominenten Freunden

Erika Mann auf dem Presseball 1933 mit Bruno Frank

Im Nachlass von Fritzi Massary und ihrer Tochter Liesl Frank finden sich unzählige Briefe von prominenten Freunden der Familie Massary/Frank: von Klaus und Erika Mann, Elisabeth Bergner, Elisabeth und Alfred Polgar, Ludwig Marcuse und vielen mehr. Die Korrespondenz zwischen Bruno und Liesl Frank aber ist einer der schönsten Bestände. Er erzählt von einer großen Liebe und einer ebenso großen Lebenspartnerschaft. Liesl erwies sich als kluge Managerin ihres 16 Jahre älteren Mannes.

"Ich bin sehr geil nach dir ..." - humorvolle Liebesbeteuerungen wie diese finden sich neben Alltäglichem, gesundheitlichen Problemen, geschäftlichen Überlegungen und Verzweiflung über den Aufstieg des Faschismus.

Die Schauspielerin Elisabeth Bergner in dem Film "Der träumende Mund" (1932)

"Ich bin so froh, dass ich sie kennenlernen durfte, diese Liesl und ihre Familie und ihre engen Freunde: die Elisabeth Bergner, eine zauberhafte Person, die verrückte Erika Mann, so eine Herbe, so eine sehr Herbe war das. Eigentlich habe ich meine Lebensart, genießen zu können, was man lebt, sehr stark von der Liesl gelernt. Die hat mich sehr geprägt und sehr verwöhnt, hat mir immer Geschenke mitgebracht, Schmuck und Parfüm und wunderschöne Wäsche.  Die hat mich sehr verwöhnt und ein gutes Gehalt habe ich auch gekriegt."

(Pit Klages, ehemalige Angestellte von Liesl Frank)

Emigration nach Amerika

1933 verließen die Franks Deutschland, 1937 Europa. Fritzi Massary folgte zwei Jahre später: Wie viele ihrer Freunde fanden sie Zuflucht in den USA. Bruno Frank war einer der wenigen deutschen Emigranten, die in Hollywood Erfolg hatten. Er starb - wie auch Fritzi Massary - in Kalifornien. Liesl kehrte nach dem Krieg in die Heimat zurück. Ab Ende der 50er Jahre vermittelte sie von München aus als Literaturagentin zwischen Deutschland und Amerika. Sie starb 1979.

2013 hat die Stadt München den Nachlass von Fritzi Massary und ihrer Tochter Liesl Frank erworben.


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