Bayerische Traumpaare Land-Ei und Stodterer
Erst sind die Provinzler in die Städte gezogen, dann Bewohner der Metropolen aufs Land. Und am liebsten - so Bernhard Setzwein - wohnt man heute im Dazwischen ...
Der „Bayerische Zukunftsrat“ hat es noch einmal schmerzlich zu Bewusstsein gebracht: Entgegen gerne gepflegten Klischees gibt es im Freistaat in Wahrheit weder ein Nord-Süd-Gefälle noch einen Franken-Altbayern-Gegensatz, sondern nur einen einzigen Antagonismus und der lautet: Land-Ei versus Stodterer! Die Bewohner der Provinz und die Bewohner der Großstadt, sie beäugen sich seit jeher mit Spott und Skepsis, und nicht selten endet ein unvorbereitetes Zusammentreffen der beiden Sozietäten mit einer ruppigen „Schleich di!“-Empfehlung. So meint ja auch der Zukunftsrat, die ländlichen Gebiete im Osten Bayerns müssten endlich einsehen, dass sie von den Metropolen nicht mehr mitgezogen werden können, sie sollten sich doch lieber den Land-Eiern in Tschechien oder Österreich anschließen.
Was sich einst neckte, fängt an sich zu lieben
Genau besehen ist die Land-Ei/Stodterer-Problematik aber eine globale. Überall – und somit auch in Bayern – dasselbe: Erst strömen die Provinzler in einer massenhaften Landflucht in die Städte, bewirken dort mit der Zeit eine schleichende Verlandeiung, was schließlich dazu führt, dass Großstädter plötzlich die Landhaus-Mode entdecken und keine andere Freizeitbeschäftigung mehr kennen als das Verirren in Maislabyrinthen und das Einkaufen in Hofläden. Was sich einst neckte, fängt an sich zu lieben. Vielleicht sind ja Land-Ei und Stodterer längst schon ein heimliches bayerisches Traumpaar. Und ihre Kinder sind die typischen Speckgürtel-Bewohner der Großstädte, die am liebsten mit einem, nämlich dem Business-Bein, im urbanen Leben stehen, und mit dem anderen, dem Freizeitbein, in einem – wenn’s sein muss – noch warmen Kuhfladen.
"Der Stodterer jedenfalls freundet sich immer mehr mit dem Leben auf dem Lande an. Längst haben sich die Bevölkerungsströme, die noch Anfang des 20. Jahrhunderts festzustellen waren, um 180 Grad umgekehrt. Auf die Provinzflucht der autochthonen Landbevölkerung, die die Nase voll hatte vom ewigen Ackerbau und Viehzucht, folgte die Metropolenflucht der Großstadtneurotiker mit ihrer unstillbaren Sehnsucht nach dem einfachen Leben zwischen eigenem Froschteich und Ziegenstall. Dabei werden die Neu-Land-Eier vorzugsweise in Gemeinden häuslich, die ganz am Rand des S-Bahn-Streckennetzes angesiedelt sind. Schließlich soll der Kontakt zum Zurückgelassenen nicht ganz abreißen. Im Innersten bleibt man halt doch eine Großstadtpflanze."
(Bernhard Setzwein)

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