Bayern 2 - Land und Leute


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Leben an der Grenze Der Vielfach-Künstler Anton Kirchmair

Seine Werke sind so vielgestaltig, wie er vieltalentiert ist. Grenzen sind für ihn dazu da, überschritten zu werden - vor allem die in den Köpfen. Anton Kirchmair ist ein Grenzgänger und Grenzüberschreiter, wie er im Buche steht. - Heidi Wolf porträtiert einen außergewöhnlichen bayerischen Kunstschaffenden.

Von: Heidi Wolf

Stand: 08.01.2017 | Archiv

"Anton Kirchmair lebt auf den ersten Blick in einer Idylle. Das alte Bauernhaus mit den weiß gekalkten Wänden, viel dunklem Holz und dem Granit-Trog vor der Eingangstür duckt sich tief in die Feuchtwiesen am Harlandbach, der Grenze zwischen Bayern und Böhmen. Die Laubbäume zwischen den Fichten und Tannen leuchten in intensiven Gelb-, Grün- und Rot-Tönen. Darüber spannt sich in diesen letzten Herbsttagen ein strahlend blauer Himmel. Die Sonne hat sich durch die letzte Nebelbank unten im Tal geschoben."

(Heidi Wolf)

Idylle zischen Bayern und Böhmen

Marchhäuser heißt der winzige Weiler mit den weit verstreuten Anwesen in der Gemeinde Haidmühle, 830 Meter hoch gelegen. Nachts, bei klarem Sternenhimmel, herrscht hier vollkommene Stille. Luchs und Schwarzstorch leben in dieser Einöde - und der Vielfach-Künstler Anton Kirchmair.

"Ja, da musst überhaupt Menschen suchen. In München oder in  Landshut bin i halt ins Café gangen und am Nachmittag waren halt Leut da und waren auch einmal fesch angezogene Leut da und waren junge Leut da. Und das ist doch ein Landstrich, wo die Überalterung - jetzt net nur von den Jahren her, sondern man muss es vielleicht auch sagen - in den Haltungen, wo des sehr zementiert teilweise ist."

(Anton Kirchmair)

"Meine Ausstellungen müssen ICE-tauglich sein"

Er ist Grafiker, Bildhauer, Schriftsteller und Geschichtenerzähler, zieht bei Lesungen sein Publikum in den Bann. Wenn die Atmosphäre stimmt, greift er zur Gitarre und singt mit ausdrucksvoller Miene seine Lieder. Er nimmt Menschen mit auf eine imaginäre Schiffsreise, denn Anton Kirchmair, 1943 in München geboren, war Seefahrer, ehe er Kunstpädagogik studierte, Kunsterzieher wurde und schließlich freischaffender Künstler. Als solcher hat er die gestalterischen Mittel und das Wesen seiner Arbeiten immer stärker auf das Elementare reduziert: Zeichnungen, die aus immer weniger Strichen bestehen, Skulpturen, hauchdünn und filigran. "Kunst muss tragbar sein, aber nicht medial, sondern mit der Sinnlichkeit der Dinge. Meine Ausstellungen müssen ICE-tauglich sein. Größe und Gewicht einer Skulptur dürfen nie über das Tragbare hinaus gehen. Alles andere kokettiert mit dem stumpfen Geist der Schwere", formuliert Kirchmair seinen ganz persönlichen Anspruch an seine Werke.

Er ist ein Grenzgänger - 

... in der Natur genauso wie in seinem Schaffen und in seinen Aktionen: Im April 2015 schwamm er bei einer Wassertemperatur von zwölf Grad 14 Kilometer von Passau nach Obernzell in der Donau, in dem Strom, auf dem sonst nur Schiffe fahren. Und anschließend las er dann - passend zu seiner Ausstellung - die Geschichte einer Überfahrt.

Zuviel Lärm, viel zu viel Ballast, viel zu viel Besitz

Toni Kirchmair leidet oft unter den Menschen, unter ihrer Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen und der Natur. Er freut sich an dem Ameisenhaufen zwischen zwei Steinen in seinem Garten, in dem ein ganzer  Staat völlig autark lebt. Zieht dieser weiter, hinterlässt er keine zerstörerischen Spuren. So möchte es auch Toni Kirchmair halten, dessen Leben nie geplant und gerade verlaufen ist – eher wie die mäandrierenden Flüsse in Sibirien, die er vom Flugzeug aus beobachtet hat:

"Wo ein Fluss sich in den anderen hineinschlingt. Wo man net erkennen kann, is des der oder is es der Fluss. Des is, wie wenn man die Därme eines Schafs riesendimensioniert über eine Landschaft breitet und ein Geschlinge nach dem anderen. Und was interessant war: Es hat eine gerade Linie durch gegeben. I glaub, des war die Transsibirische Eisenbahn. Durch des ganze Geschlinge is eine einzige Linie gangen und des hat mi verwundert. Aber des Geschlinge hat mich viel mehr fasziniert als wie dieser anorganische Schnitt, der da auf dem Reißbrett durch diese unendliche Weite und diese unendliche Schönheit da geschnitten worden is. I hab mir gedacht, des is mei Leben da unten."

(Anton Kirchmair)


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