Bayern 2 - Land und Leute


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"Genug ist nicht genug" Erster Teil: Konstantin Wecker für Männer

Konstantin Wecker wird am 1. Juni 70. Er ist gelassener geworden, aber der alte Zorn gegen Rassisten und Faschisten lodert immer noch in ihm. Mit einem Schuss Ironie blickt er zurück auf sein bewegtes Leben. - Autor Michael Zametzer mit der "männlichen Sicht" auf den Liedermacher.

Von: Michael Zametzer

Stand: 25.05.2017 | Archiv

"Sei ein Heiliger, ein Sünder. Gib dir alles, werde ganz."

(Konstantin Wecker)

Auch mit 70 noch immer mittendrin

Für Konstantin Wecker, einen der großen deutschen Liedermacher, ist es auch mit 70 noch lange nicht genug. "Ich bin nicht am Anfang und auch nicht am Ende. Ich bin hoffentlich immer noch mittendrin. Weiterhin fehlerhaft und lernend, närrisch und zornig, liebevoll und verzweifelt", schreibt der Musiker, Komponist, Schauspieler, Autor und Fiedensaktivist in seiner kürzlich erschienen Biografie mit dem Titel "Das ganze schrecklich schöne Leben".

Autor Michael Zametzer über Konstantin Wecker:

Michael Zametzer

Das erste Mal bin ich Konstantin Wecker im Jahr 1992 begegnet. Mit siebzehn. Bei uns daheim in der Oberpfalz. Im Wohnzimmer. Beim Durchforsten der kargen Musikbestände der Eltern. Auf der Suche nach überspielbaren Kassetten finde ich "Genug ist nicht Genug. 1977". Ein bisschen angestaubt, aber noch abspielbar.

Da ist dieser Willy, ein Typ, der von einem Neonazi im Streit erschlagen wird. Was für eine Geschichte! Das packt Dich mit siebzehn! Genauso müssen sie gewesen sein, die 68er! Revolution! Freiheit – in Wort, Bild, Tat und im Bett! Und dann die Botschaft! "Freiheit, Wecker, Freiheit hoaßt koa Angst haben vor neamads!" 1992 war das brandaktuell im Wortsinn: Die Anschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, später Solingen und Mölln - und vier Jahre zuvor, 1988, war in meiner Heimatstadt Schwandorf eine vierköpfige Türkische Familie verbrannt. Ein Neonazi hatte ihr Haus angezündet.

Aber auch wenn einer noch zwanzig Jahre später voll Inbrunst "Genug ist nicht genug ...!" singt, und dabei sein Ego heilig spricht - da fühlt man sich doch angesprochen als junger Kerl - und bestätigt. Nicht verkehrt, dieser Wecker. Wenn nur nicht diese Musik wäre! Klavier, Cello, Geigen, Marimbas und dann wieder Orchester, Chöre, E-Gitarren. Die 90er klangen halt grad ganz anders ...

"Ich bin da eigentlich ganz stolz drauf, dass: In den 80ern, als grad der Punk im Kommen war, stand ich mit dem Kammerorchester auf der Bühne und bei mir hat es georfft! Und ich hab heute manchmal des Gefühl, das Publikum kam damals sicher nicht wegen meiner Musik, sondern trotz meiner Musik; weil sie mich oder meine Texte erleben wollten. Vielleicht konnte ich viele aber auch überzeugen, dass es viele Möglichkeiten gab, sich musikalisch zu artikulieren."

(Konstantin Wecker)

Musikalische Lehrjahre

Konstantin am Klavier (1958)

Was will man erwarten von einem, der seine Mitmenschen schon im Knabenalter mit seinem  engelsgleichen Sopran in Ekstase versetzt hat? Der mit seinem Vater Alexander, dem Maler Kunstprofessor und Hobby-Opernsänger, Puccini und Verdi im Duett gesungen hat? Dessen Mutter Dorothea den einzigen Sohn nach vorne trieb, ehrgeizig, oft hart, auch liebend?

Bilder eines bewegten Lebens

Genug Geld, um Dichter zu werden

Wecker hat nichts ausgelassen: Mit 18 Jahren klaut er zusammen mit einem Freund die Kasse der Münchner Rennbahn, in der sich 30 000 Mark befinden - genug Geld, um Dichter zu werden, wie die Beiden glauben. Die aufregende Flucht endet in Stadelheim: vier Wochen Knast. Der kunstsinnige sanfte Vater kommentiert die Aktion mit dem Satz: "Zwischen Künstler und Verbrecher ist nur ein kleiner Unterschied. Wie es aussieht, taugst du nicht zum Verbrecher."

"Gestern hams an Willy daschlogn ..."

Nach dem Abitur  zählen für Wecker nur mehr Dichtung und Musik. Er tritt in Kneipen auf,  gründet 1971 mit 24 Jahren eine Rockgruppe, bringt mit 26 seine erste Platte heraus, wird in der Kleinkunstszene bekannt. Ab Mitte der 1970er Jahre können die Zelte das Publikum nicht mehr fassen. Der Durchbruch gelingt ihm mit der Ballade vom Willi, einem Freund, der sich in einer Kneipe mit Neonazis anlegt, nicht bemerkt, wie die Situation eskaliert und erschlagen wird.

Widerstand gegen Nazis und den Mief der Zeit

Wecker lehnt sich auf gegen die alten Nazis, die aus dem Krieg nichts gelernt haben, protestiert gegen den Mief der Zeit, ruft auf zur Revolution. Viele aus seiner Generation entdecken über seine Lieder ein Stück Freiheit. Seine Texte sind aufmüpfig, aber auch sehr poetisch und zärtlich, wenn es um die Liebe geht. Wecker lässt auch Peinlichkeiten nicht aus: Er spielt in Sexfilmchen der Siebziger Jahre mit, fühlt sich von der Hamburger Zuhälterszene angezogen - vielleicht auf der Suche nach einem starken Vaterbild. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs driftet er in die Drogenszene ab. Kokain ist sein Verhängnis...

"Poesie und Widerstand" - Das Auftakt-Konzert in Passau am 19. Mai 2017

CD-Tipp.

Poesie und Widerstand
Künstler:
Konstantin Wecker
Audio CD (26. Mai 2017)
Anzahl Disks/Tonträger: 2
Format: Doppel-CD
Label: Sturm & Klang (Alive)
ASIN: B06XK58LG5

Buchtipp:

Das ganze schrecklich schöne Leben: Die Biographie
Autor:
Konstantin Wecker
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Gütersloher Verlagshaus (17. April 2017)
ISBN-10: 3579086448
ISBN-13: 978-3579086446


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