Bayern 2 - Land und Leute


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Jaromir Konecny Poetry-Slammer und Romanautor

Bernhard Setzwein hat Jaromir Konecny besucht und mit ihm über sein Schreiben und Leben gesprochen – und darüber, wie er seinen Platz findet im Niemandsland zwischen zwei Sprachen und Kulturen. Dabei erfuhr er unter anderem, dass man Mähren auch im Münchner Umland wiederfinden kann.

Von: Bernhard Setzwein

Stand: 03.04.2016 | Archiv

Jaromir Konecny (2013) | Bild: Catherina Hess/Süddeutsche Zeitung Photo

Über 60 Poetry-Slams hat er gewonnen, zweimal war er gesamtdeutscher Vizemeister, vor allem in München prägte er, unter anderem mit einer eigenen Veranstaltungsreihe, die Szene mit. Die Rede ist von dem Mann, der so unverkennbar böhmakelt, wenn er die Bühne betritt, und zwar als regelrechte Rampensau: Jaromir Konecny. 1956 in Prag geboren als Sohn eines – wie er selbst sagt – Stalinisten, führte er ein abenteuerliches Leben. Um den engen Verhältnissen zu entkommen, sah er keine andere Möglichkeit, als sich bei der tschechoslowakischen Armee zu verpflichten und auf einen Auslandseinsatz nach Libyen mitzugehen. Von dort kam er nicht nur mit viel Geld zurück, sondern auch mit einem gewissen Privilegierten-Status, der es ihm erlaubte, als erst 26-Jähriger mit einer Reisegruppe in den Westen zu fahren. Er packte die Gelegenheit beim Schopf, setzte sich ab und beantragte politisches Asyl.

"Am Ende des Militärdienstes, da hat man mich gerufen halt zu dem Kompaniechef und so weiter und die haben mich gefragt, ob ich nicht nach Libyen möchte. Und da hab ich sofort zugeschlagen, weil das war ... raus nach Afrika, weißt du, es war etwas ganz Exklusives. Und dann in Libyen hab ich auch erfahren, ich hab da 20.000 Kronen in Devisen verdient. Und in Tschechien hat man damals 2.000 verdient. Ich hab zehnmal mehr verdient dort als ein normaler Mensch. Ich konnte mir Haus kaufen und Auto kaufen, alles, weißt du. Da glaubte ich noch an den Sozialismus, eigentlich. Zuerst hab ich im Bund also diese ganzen Offiziere gesehen, was für versoffene Typen und Idioten das sind. Wie im 'Švejk' wirklich halt, nur im Sozialismus halt. Es war wirklich dasselbe."

(Jaromir Konecny)

Er versteht es, die Jugend fürs Lesen zu gewinnen

Jaromir Konecny (2013)

Es folgte ein ganzes Jahr im Asylantenlager nahe Vilsbiburg. Jaromir Konecny nutzte die Zeit, um sich selbst deutsch beizubringen, mit Hilfe von Heftchenromanen und einem Wörterbuch. Als ihn Betreuer fragten, wie er sich sein weiteres Leben in Deutschland vorstelle und was er werde wolle, sagte er: "Schriftsteller". Man lachte ihn aus. Doch Jaromir Konecny hat es geschafft. Er lebt heute als freiberuflicher Autor in München und schreibt nicht nur bühnenwirksame "kleine Sachen" für die Poetry-Slam-Battles, sondern auch seriöse Romane und zunehmend auch Jugendliteratur. Denn er versteht es bei seinen zahlreichen Auftritten in Schulen – Schreibworkshops gibt er dort auch – gerade die Buben fürs Lesen zu gewinnen.

Eine Existenz zwischen zwei Stühlen

Trotz seiner gelungenen Integration merkt man ihm an, dass er wahrscheinlich in bestimmten Momenten seines Lebens, wenn es still um ihn wird und er ganz auf sich zurückgeworfen ist, wegen seiner Heimatlosigkeit einen leichten, melancholischen Schmerz spürt. Aber dann wird schnell wieder sein heiteres, humorvolles Wesen die Oberhand gewinnen. Er sei nämlich ein Mensch, sagt Jaromir Konecny, der unglaublich gerne lache. Aber wie jeder wahrhafte Humorist weiß er, daß es wahren Humor ohne Traurigkeit und Schmerz nicht gibt.

"Ich hab gestern mit einer tschechischen Freundin geredet, am Telefon, und ich hab mich selber gehört, wie hart ich rede, halt tschechisch. Ich brauch dann ein paar Wochen, bis es sich ändert, weißt du. Also ich bin … ich kann noch nicht perfekt deutsch, aber ich kann nimmer perfekt tschechisch. Also, ich werde nie so poetische Bilder, weißt du, prägen können, obwohl ich wirklich ständig die Sprache studiere auch, wie damals im Tschechischen, wahrscheinlich. Und die kann ich nicht mehr. Ich kann sicher besser deutsch schreiben als tschechisch jetzt, ja."

(Jaromir Konecny)


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