Bayern 2 - Land und Leute


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"Machen Sie mich nicht erröthen!" Ignaz Döllinger und Lady Blennerhassett

Sie ist 22 und ein begabtes adeliges Fräulein; er ist 43 Jahre älter und ein gelehrter katholischer Theologe. Er erwählt sie als Schülerin, nennt sie "mein liebes Kind" und meint auch die schöne, kluge Frau. Ein sensibler Briefwechsel entwickelt sich zwischen Professor Ignaz Döllinger und Charlotte Gräfin Leyden, verheiratete Lady Blennerhassett, die zu ihrer Zeit als "erste Schriftstellerin Deutschlands" gerühmt wurde. Hiltrud Häntzschel hat den Briefwechsel gelesen.

Von: Hiltrud Häntzschel

Stand: 06.08.2017 | Archiv

"Wenn man mir vor sechs Monaten gesagt hätte, dass ich bald lange Briefe an eine junge Dame schreiben würde, so hätte ich geantwortet: Das ist ganz undenkbar, cela ne s’est jamais fait, cela ne se fera jamais. Wieder ein Beweis, dass man bis ins Alter hinein immer noch neue Entdeckungen an sich selber macht."

(Ignaz Döllinger)

Brieffreundschaft mit einer blutjungen, adeligen Lady

Ignaz Döllinger

Ignaz Döllinger, Dompropst der Münchner Theatinerkirche St. Kajetan und Theologieprofessor der Universität, führt einen regen Briefwechsel mit seinem "lieben Kind", seinem "lieben Töchterchen" Charlotte Gräfin Leyden (seit 1870 verheiratete Lady Blennerhassett), die er im Mai 1865 kennengelernt hatte. Er ist 65, sie 22; er ist ein charmanter Causeur, ein großer Gelehrter und streitbarer Theologe, sie ist eine ungewöhnlich begabte junge Frau, die unter den Defiziten zugestandener weiblicher Bildung leidet und nun unter seiner Anleitung zu einer systematischen historischen Lektüre, zu ungewöhnlich selbständigem Urteil angeleitet schließlich zur "ersten Schriftstellerin Deutschlands" reift.

Väterliche Verliebtheit und zarte Ironie

Der Briefton hält in der Mischung aus wissenschaftlichem Ernst, väterlicher Verliebtheit und zarter Ironie das Ungleichgewicht der Beziehung auf wundersame Weise in der Schwebe. Aber es ist auch nicht zu überhören, dass es nicht allein der Gott der Gelehrsamkeit ist, der da als Bote fungiert. - In den über 400 erhaltenen seitenlangen Briefen hat Hiltrud Häntzschel ein einfühlsames Zwiegespräch zwischen dem Professor und seiner Schülerin entdeckt.

Charlottes Mutter fungierte als Zensurbehörde

Charlotte Gräfin Leyden (Lady Blennerhassett)

Dass dieses Lehrer/Schülerin-Verhältnis so nachhaltig hat glücken können, dafür bürgten neben den Persönlichkeiten der Beteiligten wohl zum einen die gesellschaftliche Position des Lehrers, die ein Begehren nach Besitz von vornherein ausschloss - die Frau war reizvoll, aber tabu -, zum anderen die ständige Überwachung durch die Mutter. Sie war bei allen Begegnungen zugegen, las alle Briefe. Deshalb musste Charlotte Extra-Zettelchen an den Augen der Mutter vorbei ins Couvert schmuggeln. Da ging es jedoch nicht um intime unerlaubte Herzensergießungen, sondern um unorthodoxe und somit unstatthafte Kritik an der katholischen Kirche. Der betagte Dompropst und die junge Komtess: zwei flirtende Komplizen der Gelehrsamkeit und des kritischen Katholizismus.


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