Bayern 2 - Land und Leute


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Fredl Fesl wird 70 Der König von Bairisch-Absurdistan - 1. Teil

Dadaesk? Valentinesk? Feslesk! Er zählt zu den Großmeistern der Kleinkunst bayerischer Prägung. Sein Humor changiert zwischen Nonsens und Aberwitz. Er ist ein Sänger, dessen Vorreden länger sind als seine Lieder. Und seine Lieder sind Lektionen im wilden Denken. All das macht ihn unverwechselbar. Zu seinem 70. deshalb ein zweiteiliges Geburtstagsständchen im Radio!

Von: Thomas Grasberger

Stand: 02.07.2017 | Archiv

"Ich hab mir nie gedacht, was ich mal machen möchte, sondern immer nur, was ich gerade mach, ob das passt."

(Fredl Fesl)

"Wias da Fredl bracht hat, de Liada, da hat die Volksmusik a andere Bedeutung kriagt, für uns."

(Michael Well)

"Der Fredl ist a eigene Marken."

(Stofferl Well)

Er ist ein Mann mit vielen Begabungen

Als Handwerker und Erfinder, als Waller-Angler und Baggerfahrer, als Wort-Artist und nicht zuletzt als Komödiant, im Leben und viele Jahre lang auch auf der Bühne. Was Fredl Fesl anpackt, wird meistens schräg; manchmal sogar schief. Aber es funktioniert nicht selten viel besser als bei den "geraden" Leuten.

Auf der Bühne des "Song Parnass" fing alles an

Fredl Fesl begeisterte das Publikum mit seinem absurden Witz

Schon der Beginn seiner Karriere war reichlich ungewöhnlich. Als junger Mann hatte der Sohn eines Wirts und Berufsmusikers schon viele Tätigkeiten ausprobiert, bevor er eines Tages in den 1970er Jahren mit seinem Gitarrenkoffer, den er stets dabei hatte, um den Eintritt zu sparen, auf die Kleinkunstbühne des "Song Parnass" hinauf musste. Völlig überraschend, weil die Musiker des Abends wegen einer Autopanne nicht kamen. Fesl nahm die Herausforderung an und begeisterte sein Publikum mit minutenlangen Vorreden und eher kurzen bayerischen Liedern. Beides war geprägt von einem absurd erscheinenden Witz, der nur auf den ersten Blick harmlos daher kommt.

Autor Thomas Grasberger über seine erste Begegnung mit Fredl Fesl

Thomas Grasberger

"Wo Bairisch-Absurdistan eigentlich liegt, kann ich nicht genau sagen. Landesgrenzen hat es keine. Auch kein eigenes Staatsgebiet. Aber ich weiß es immer ganz genau, wenn ich dort bin – im Reich des bairischen Humors. Des schrägen und hinterkünftigen Humors. Keine Comedy, kein plumpes Witzeschleudern. Eher ein feiner und vielschichtiger Humor. Absurd, anarchisch und vogelwild. Wie damals im Sommer 1978, in einem Zirkuszelt auf dem Dultplatz von Altötting.

Ich war 14 und schaute mit vielen anderen Menschen einem jungen Mann zu. Der war um die 30, hatte eine seltsame Frisur und eine Gitarre. Manchmal hat er gesungen, auf Bairisch. Meistens aber hat er gesprochen, minutenlang und ziemlich umständlich. Es war ein unvergesslicher Abend! 1500 Menschen tobten im Zelt vor Begeisterung.

Ich wusste damals wenig von Bairisch-Absurdistan und seinen alten Helden: von Jakob Geis, Anderl Welsch, Karl Valentin und Liesl Karlstadt, vom Weiß Ferdl, vom Roider Jackl oder vom Kraudn Sepp. Aber eines war mir seinerzeit im Zirkuszelt klar: Der junge Mann muss der amtierende König von Bairisch-Absurdistan sein."

Der König von Bairisch-Absurdistan

Fredl Fesl zeigt im Tonstudio auf seinem Bauernhof im Dezember 1981 eins seiner Alben

Manche haben Fesl als Blödel-Barden mit der Prinz-Eisenherz-Frisur gesehen. Andere erkannten aber auch den ab- und hintergründigen Humor eines bairischen "Melankomikers". Mit Songs wie dem "Anlassjodler", dem "Fensterstock Hias", dem "Taxilied" oder dem edlen "Ritter Sepp" eroberte Fesl erst die Kleinkunstbühnen und bald auch die Konzertsäle und das Fernsehpublikum. "Weil er immer so unverständliche Sachen sang, wurde bald alle Welt auf ihn aufmerksam" - diese Songzeile aus dem Fesl-Lied "Der Cowboy" hat autobiografische Qualität. Bald herrschte der König von Bairisch-Absurdistan weit über Bayerns Grenzen hinaus, indem er die Menschen überall zum Lachen brachte.

Fredl Fesls "Taxilied"

1. Strophe

"Hallo, Taxi, fahrn's mich bitte
In die Ottobrunner Straß
Doch fahrn's bitte nicht so narrisch
Denn ich hab schon fünf-sechs Maß!
Wenn's geht, den kurzen Weg
Über Giesing-Martinstraß
Weil ich einen kleinen Umweg
Über Dachau furchtbar hass!

2. Strophe

Und ich will auch nicht nach Pasing
Und auch ungern nach Freimann
Weil ich - A - schon furchtbar müd bin
B - es mir nicht leisten kann!"
Der Innungskopf hat d'Tür zug'haut
Hat g'wart, bis dass ich schlief
Dann hat er schnell sei Uhr eing'stellt
Auf günstigsten Tarif!

3. Strophe

Und wie ich in einer engen Kurven
Mir mein' Kopf anhau
Davon aufwach und verschlafen
Aus dem Taxifenster schau
Da seh ich schlimme Sachen
Die san schrecklich intressant –
Mancher würde viel bezahlen
Wenn er das erleben kannt!

4. Strophe

In Giesing steht ein Fernsehturm
Beim Arabellahaus
Und wenn man da links abbiegt
Geht's nach Grosslappen naus
Dann rechtsherum durchs Siegestor
Vorbei an Hellabrunn
Da siegst a Schild nach Allach
Doch da kümmerst dich nicht drum!

5. Strophe

Vorbei am Dom, in Richtung Riem
Des kommt dir komisch vor
Seit wann is Nordbad denn in Giesing
Links vom Isartor?
Doch dann, gleich hinterm Waldfriedhof
Da kommt ein Krankenhaus –
Das ist das rechts der Isar
Und da kennst dich wieder aus!

6. Strophe

Ueber d'Donnersbergerbrückn
Und durchs Leuchtenbergtunnel
Dann die Abkürzung nach Solln naus
Denn die is besonders schnell!
Die Ludwigstraß nach Sendling
Rechts vorbei am Kronebau
Und des ois so nah bei Giesing –
Daraus werd ich gar nicht schlau!

7. Strophe

Beim Haus der Kunst in Moosach drauss
Da stell ich plötzlich fest
Der Bahnhof München-Giesing
Geht ja durch bis Aubing-West!
Doch dann kommt schon der Friedensengel
Und es fällt mir ein
Von da weg bis nach Ramersdorf
Kanns nicht mehr recht weit sein!

8. Strophe

Doch erst kommt noch der Harras
Milbertshofen und Hochbrück
Und ich hab leise den Verdacht
Mein Ziel liegt weit zurück!
Auf einmal ist es doch soweit
Wir sind in München-Ost
Vom MUH bis Ottobrunner Straß –
Fragn's nicht, was sowas kost!

Versuch einer geographischen Darstellung von Fredl Fesls "Taxilied":

Vom 'MUH' in da Hackenstraß' bis Ottobrunnerstraß'

1997 kam die Diagnose Morbus Parkinson

Doch dann plötzlich die Absurdität des Lebens: Diagnose Morbus Parkinson. Mit ihr beginnt Fesls zweites Leben: Nicht immer lustig. Aber auch nie ganz ohne Humor. Zum siebzigsten Geburtstag des Künstlers am 7. Juli lässt Thomas Grasberger die beiden Leben des Fredl Fesl akustisch Revue passieren.

Fredl Fesl spricht über seine Parkinson-Erkrankung


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