Bayern 2 - Land und Leute


54

Gertrud und Jakob Eine deutsch-jüdische Liebesgeschichte

Gertud lernt ihren Mann Jakob unmittelbar nach dem Krieg in der Trümmerlandschaft der Stadt München kennen. Die Zeichen stehen auf Neubeginn. Die junge Deutsche und der den Schrecken des Holocaust entronnene Jude träumen vom Aufbruch in eine bessere Welt. Doch die Qual der Erinnerung zerstört die Hoffnung auf Versöhnung und Vergebung. Die außergewöhnliche und doch exemplarische Geschichte einer Ehe im Schatten der Vergangenheit.

Von: Kirsten Esch

Stand: 03.09.2017 | Archiv

"Wissen Sie, wie ein Jude aussieht?" fragt der Mann in der zerschlissenen Fliegeruniform die junge Frau, als sie gemeinsam in München aus der Straßenbahn aussteigen. "Nein, ich kenne keinen Menschen, der Jude ist, und wüsste auch nicht, woran ich einen solchen erkennen sollte", antwortet sie verschüchtert. "Ich bin ein Jude", sagt der Mann mit dem kahlrasierten Schädel, "schauen Sie mich genau an!" So lernt Gertrud ihren zukünftigen Mann kennen, Jakob Feinstein. Sie, 17 Jahre jung, deutsch und naiv - und er, schon Anfang 40, der direkt aus dem Konzentrationslager kommt und dessen Frau und Kinder 1941 im Getto von Schaulen erschossen wurden.

Arisches Mädchen mit blonden Zöpfen

Gertrud Feinstein, geborene Niklaus, war - auf Geheiß der Großmutter, einer begeisterten Hitler-Anhängerin - eines der arischen Mädchen mit blonden Zöpfen, die auf dem Obersalzberg dem Führer Gedichte aufsagten:

"Und ich als Siebenjährige hatte keine Ahnung, wem ich die Blumen überreichen sollte, wem ich was sagen sollte. Ich wusste nur, dass ER mir die Hand auflegte."

(Gertrud Feinstein)

Zwangsarbeiter im Ghetto von Schaulen

Jüdische Zwangsarbeiter im Warschauer Ghetto

1905 wird Jakob Feinstein in Litauen geboren. Der Vater ist Fabrikant von Bernsteinschmuck, es fehlt der großen Familie an nichts. Mit Mitte zwanzig heiratet Jakob Feinstein und wird selbst Vater von zwei Kindern. Als die Deutschen in Litauen einmarschieren, werden alle Juden in Ghettos zusammengepfercht. So ergeht es auch Jakob Feinstein mit seiner Familie und den Schwiegereltern.

Im Ghetto von Schaulen teilen sie sich ein kleines Zimmer. Alle Männer müssen Zwangsarbeit leisten. Als Jakob Feinstein am 11. September 1941 von der Arbeit zurückkommt, ist die Straße leer. Seine Schwiegereltern, seine Frau, seine kleinen Kinder, 4 und 8 Jahre alt … seine ganze Familie ist tot. Erschossen im nahe gelegenen Wald.

Feinstein wird ins KZ Stutthof bei Stettin deportiert, später über das KZ in Dachau nach Utting am Ammersee gebracht. Die Familie verloren, zur Zwangsarbeit verurteilt … die offenen Hungerödeme aus dieser Zeit werden sich ein Leben lang nicht mehr schließen. Als die junge Gertrud ihn kennen lernt, ist Jakob ein menschliches Wrack. Trotzdem verliebt sie sich in ihn.

Nach der Hochzeit begann eine konfliktreiche Zeit

1951 heiraten Gertrud, die Deutsche, und Jakob, der Jude - und damit beginnt eine Zeit voller Liebe, Schuldgefühle und Versöhnung - eine hochemotionale Zeit, in der Konflikte und Auseinandersetzungen den Alltag bestimmen. Denn in ihrer ganz persönlichen Beziehung müssen Gertrud und Jakob Feinstein stellvertretend eine Katastrophe bewältigen: den Völkermord der Deutschen an den Juden.

1952 wandert das Ehepaar nach Amerika aus

Jakob Feinstein verfiel in eine nicht enden wollende Verzweiflung

Dort wird 1956 der Sohn Elias geboren. Mit der Ausreise nach Amerika verändert sich Jakob Feinstein - und bis heute rätselt Gertrud über den Auslöser. Seine Gefühle für seine Frau werden immer komplizierter, bewegen sich zwischen großer Liebe und extremem Hass. Kann er doch in ihr nicht nur die Ehefrau sehen, sondern immer auch Deutschland, das Land, das ihn zerstört hatte.

Die Jahre in Amerika waren für beide die Hölle - doch niemals dachte sie ernsthaft daran, ihn zu verlassen. Denn sie fühlte sich mitschuldig am Elend, an der großen, nicht endenden Verzweiflung ihres Mannes.

Sie liebten sich und konnten sich doch nie von ihrer Herkunft befreien

Gertrud Feinstein erzählte Kirsten Esch ihre Geschichte, die Geschichte eines ungewöhnlichen Paares, von zwei Menschen, die sich liebten und sich doch nie befreien konnten von ihrer Herkunft – und die täglich mit einer existenziellen Frage konfrontiert waren: der Frage nach Schuld und Vergebung.


54