Bayern 2 - Land und Leute


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Bayerische Traumpaare Das Sprechen und das Schreiben

Mehr als in anderen Regionen Deutschlands ist in Bayern der Dialekt auch in die Literatur eingegangen. Zwischen den beiden gibt es eine verzwickte Liebesgeschichte. Einblicke in diese Zweier-Verbindung geben Markus Metz und Georg Seeßlen.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 04.06.2017 | Archiv

Mit der Ausweitung der Buch- und Schriftzonen wuchs der Wunsch nach einer Sprache, die von immer mehr Menschen verstanden werden konnte, auch von jenen, die der mittelalterlichen lingua franka, des Lateinischen, nicht mächtig waren. Es entstand das, was man heute gern Hochdeutsch nennt, missverständlich vielleicht, weil ursprünglich das Hochdeutsche diejenige Sprache war, die man in den Höhen des Südens, im Alpenland sprach. Also mehr oder weniger das Bairische. Sprechen wir also lieber von einer deutschen Standardsprache, die ein paar Jahrhunderte brauchte, damit sie so verbindlich werden konnte, dass ein Schulmeister in Oberammergau die selben Fehler bei seinen Schülern anstreichen konnte wie einer in Flensburg.

Es entstand so etwas wie ein "Kunstbairisch"

Oskar Maria Graf

Mehr als in anderen Regionen Deutschlands (vergleichbar eher den Regionen Italiens) ist in Bayern der Dialekt auch in die Literatur eingegangen. Diese Versuche, von den Volksschriftstellern bis zur modernen Unterhaltungsliteratur, aber natürlich auch bei den "Großen", von Lena Christ, Oskar Maria Graf, Ludwig Thoma, Marieluise Fleißer bis Rainer Werner Fassbinder, waren immer eher eine Annäherung. Es entstand so etwas wie ein "Kunstbairisch" oder eine gemäßigte Tönung, bei der der Leser selbst eine Übertragung ins gesprochene Bairisch vornehmen muss. Denn eigentlich lässt sich das gesprochene Bairisch nicht wirklich schriftlich wiedergeben. Und dem von nicht wenigen Dialektsprechern befürchteten Aussterben der bairischen Sprache ist nicht allein dadurch zu entgehen, dass man versucht, sie in Büchern festzuhalten. Andererseits ist der Dialekt immer auch eine große Bereicherung für die Literatur gewesen.

Wie sich Nicht-Bayern ein Gedicht auf Bairisch vorstellen:

Oadelwoaß

Oh Berg - euch liab ich allezoat
Ja selbsch im Winta wenn es schnoat
Ich grüaß den roanen Sonnen schoan
Und stoag ins stoale G'wänd hinoan:
Dort wer’n miar wohl die Woadel hoaß
Doch grüaßt mich z’letzt oan Oadelwoaß, oan Oadelwoaß!"

(Parodie des Satirikers Hanns von Gumppenberg, Mitglied des Münchner Kabaretts "Die Elf Scharfrichter")

Eine zünftig bayerische Gerichtsverhandlung

SPRECHER 1:
Jo mei, Herr Richter, i hob dem aufbretzelten Lackl a gscheite Watschn gem, weil wan oina ma so kimmt, so a Lätschnbene, so a selbstgschnitzta Kaschperlkopf, so a afgstellter Mausdreg, nacher foid bei mia da Watschnbaum um. Des werd auskartelt, aber scho wia...

SPRECHER 2:
Moment, Moment. Nicht so schnell. Ich muss das mitschreiben. (übertrieben wörtlich) "Jo, Iiii hoob dem aufbretzelttnn"  – mit zwei n, gell? –  "Lackell a g (Apostroph) scheide Watsch (Apostroph) n g...." Wie schreibt man jetzt gehm? Mit h?

SPRECHER 1:
So a Zwetschgnmandl, so a preissisch'. Frogt mi der Zeck, wo's zur Seealpen geht, und i, herzensguad, ned, I dad's dem Bumal a no ausdeitschn. Da gehst aufi, hob i gsogt, und dann owei füri, owei füri, und dann gehst eini in an Woid, hob I gsogt...

SPRECHER 2
(beim Schreiben):
"... und i herzensguuaad, ned...". Verzeihung. Schreibt man eigentlich ned im Bairischen mit d oder mit t?

SPRECHER 1:
Jamilextamarsch.

SPRECHER 2:
"Ja mi leck (Apostroph) st am Ooaarsch." Bayrisch für...

SPRECHER 1:
Ja, is scho recht. I bin ganga...

SPRECHER 2:
"Ganga... äh..." Er ist gegangen, oder?

Dialekt nur sprechen oder auch schreiben?

Dialekt kann man sprechen. Dialekt kann man singen. Beten. Träumen. Fluchen. Aber man kann Dialekt nicht schreiben, oder? --- Andererseits, wenn man Dialekt nicht schreiben könnte, dann könnte man ja auch nichts erzählen. Von dem Land, in dem der Dialekt gesprochen wird. Und von den Menschen, die ihn sprechen. Zwischen dem Dialekt und der Literatur, dem gesprochenen und dem geschriebenen Bairisch zum Beispiel, gibt es eine unglückliche Liebesgeschichte.


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