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Christian Stückl inszeniert "Der Stellvertreter" Raus aus der Schublade!

Was stünde auf Christian Stückls Schublade, wenn es eine für ihn gäbe? Bayerisch, bibelfest, bodenständig? Der Volkstheaterintendant mag aber keine Schubladen. Deshalb inszeniert er jetzt Rolf Hochhuths kirchenkritisches Stück "Der Stellvertreter".

Autor: Ulrike Köppen Stand: 24.01.2012
Szene aus "Der Stellvertreter" im Münchner Volkstheater | Bild: BR/Max Hofstetter

Christian Stückl sitzt im Zuschauerraum, auf dem Regietisch vor ihm ein überquellender Aschenbecher. Auf der Hauptbühne läuft die Probe zum "Stellvertreter", Stückl sitzt im Dunklen, vor ihm der Glimmpunkt seiner Zigarette. Ihm ist bewusst, dass diese Premiere besonders "beäugt" wird: "Jemand wie ich, der sich viel mit religiösen Themen beschäftigt, wird sicher anders bewertet, wenn er so ein Stück macht."

Der Vorwurf ist klar: Kalkulierte Untätigkeit

Denn "Der Stellvertreter" bringt seine eigene Geschichte mit: Als Rolf Hochhuths "Christliches Trauerspiel", wie er es im Untertitel ironisch nannte, 1963 uraufgeführt wurde, tat es einen lauten Schlag, der über die Theaterszene hinaushallte. Mit seinem halb dokumentarischen, halb fiktionalen Stück beleuchtet Hochhuth die Rolle der katholischen Kirche während des Holocaust. Er erzählt die Geschichte des jungen Jesuitenpaters Riccardo, der an eine historische Person angelehnt ist. Riccardo versucht erfolglos, Papst Pius XII. zu einer Schutzerklärung für die Juden zu bewegen. Als er scheitert, heftet er sich einen gelben Stern ans Revers und stirbt in Auschwitz. Hochhuth konfrontierte den Vatikan mit dem Vorwurf kalkulierter Untätigkeit während des Holocaust. Und das Anfang der 60er-Jahre, als die Kritik gegen die Vätergeneration gerade in Gang kam.

"Warum nehmen Sie dieses Thema auf?"

Als Leiter der Oberammergauer Passionsspiele hat Stückl eine weitere Rolle neben der Volkstheater-Intendanz. Er ist so bibelfest wie kaum ein anderer deutscher Regisseur. Für viele Katholiken, die aus der ganzen Welt zu seiner Passionsinszenierung anreisen, taugt er als Identifikationsfigur in der Kulturszene. Diejenigen, die Stückl vor allem als Passionsspielleiter wahrnehmen, irritiert diese Stückwahl: "Ich habe Briefe bekommen und da werden Fragen gestellt: Warum tun Sie das? Warum den Hochhuth? Warum nehmen Sie dieses Thema auf?"

Das Hadern mit den Fragezeichen

Stückl hat es sich nicht leicht gemacht mit diesem Thema: "Bei der Arbeit mit dem Text sind so viele Fragen aufgetaucht. Mit einem Historiker haben wir über Begriffe gesprochen: über die Forderung, die Kirche müsse neutral bleiben. Wie kann man den Begriff der Neutralität vor so einem Verbrechen wie der Shoah überhaupt noch hinnehmen? Vielleicht hatte die Kirche auch Angst vor Stalin und hat Hitler vielleicht als das kleinere Übel gesehen?" All diesen Fragezeichen hat Stückl eine eigene Textebene gewidmet und Szenen eingebaut, die Hochhuths Stück aus heutiger Sicht diskutieren.

Kritik an der Kirche? Zumindest keine aktuelle

Zu einem vielleicht naheliegenden Rundumschlag gegen die Kirche auf der Welle der aktuellen Kritik - sei es an Zölibat, der Homosexuellen-Politik oder der Ökumene - will Stückl jedenfalls nicht ausholen. Sein Ziel ist es, die Diskussion, die er mit seinen Dramaturgen und Schauspielern geführt hat, weiterzutragen: "Wir wollen mit unserer Inszenierung gar nicht sagen: So ist es gewesen. Aber wenn 500 Leute im Theater sitzen und nur zehn hinterher darüber reden, haben wir schon Erfolg gehabt."