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Nachruf Zum Tod des Museums-Erneuerers Martin Roth

Er war der erste Deutsche an der Spitze eines britischen Topmuseums - und machte es zum Besuchermagneten. Auch in Deutschland galt Martin Roth als Ausnahmeerscheinung.

Von: Maria Ossowski

Stand: 07.08.2017

Museen waren für Martin Roth immer politische Institutionen. Als begnadeter Erzähler konnte der in Tübingen promovierte Kulturwissenschaftler auf internationalem Parkett glänzend zwischen Kunst und Politik vermitteln.

"Was mich immer interessiert hat war das Museum als gesellschaftliche Einrichtung, Orte, wo sich Menschen treffen können, Orte, wo sich Kunst begegnet, wo Kunst aus allen Herren Länder unterschiedliche historische Herkünfte haben. Das ist so ein Amalgam, ein Prozess, den sich die Gesellschaft leistet, der etwas Tolles ist und der Risikobewusstsein mit sich bringt, was man erreichen kann, wenn man genau wissen will, was am Ende dabei rauskommt!“ Martin Roth

Ob in Berlin oder Dresden, in Peking, Hannover oder London, Roth hat, wie er schwäbisch bescheiden erklärte, immer zur rechten Zeit am rechten Ort wirken können.

"Das glaub ich nicht, dass ich mehr kann als andere. Es ist die Tatsache, dass wir schlichtweg eine kleine Gruppe internationaler Museumsdirektoren sind, die sehr eng zusammenarbeiten, und man vergisst Ländergrenzen und Länderherkünfte. Es ist in der Tat eine Art Incommunity, die jenseits des nationalen Denkens arbeiten, und das ist ein gutes Zeichen. Vor allem hier in Europa!"

Martin Roth

Zunächst hat Martin Roth in Paris mit dem Soziologen Pierre Bourdieu zusammen gearbeitet, später kuratierte er in Berlin am Deutschen Historischen Museum die Bismarckausstellung für den Gropiusbau. Als Generaldirektor der Dresdner Kunstsammlungen ist es ihm nach dem Elbhochwasser 2002 gelungen, die immensen Flutschäden mit Fundraisingaktionen reparieren zu lassen. In Peking hat Martin Roth 2008 eine Gerhard Richter Ausstellung organisiert und 2011 die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“. Sein Schweigen zu den politischen Repressionen in China wurde ihm oft zum Vorwurf gemacht. Als Direktor des Victoria and Albert Museums hat Roth ab 2011 mit Ausstellungen zu David Bowie oder zum Revolutionsfieber der 60er Jahre für Furore und für Hunderttausende von Besuchern gesorgt und so das angestaubte Museum modernisiert. Den Brexit hat Martin Roth nicht erwartet, seine Konsequenzen gezogen, und Großbritannien verlassen.

"Das Schlimmste ist, dass wir eine absolut negative Tonlage bekommen haben. Das, was in Europa jahrzehntelang Hoffnung und Zusammenhalt gebracht hat, und Solidarität – zumindest haben wir uns das erhofft – dann ist jetzt die Rhetorik negativ. Besonders hier in Deutschland, für die einfach – für meine Generation zumindest – Europa einfach auch Zukunft und Sicherheit ist und Frieden bedeutet, und in gewisser Weise auch Fortschritt. Das vergisst man hier leicht!"

Martin Roth

Der Kunstmanager hat sich auch in die deutsche Kulturpolitik gern und provokativ eingemischt. Über die Kulturstaatsministerin Monika Grütters urteilte Roth beispielsweise, er «würde den Job sicher deutlich besser machen, als die jetzige Amtsinhaberin».
Die deutsche Museumslandschaft hat er vor allem wegen der staatlichen Einflüsse kritisiert, die Häuser seien meist satt.

"Ich finde ja, dass die deutschen Museen nicht gerade aufregende Programme haben. Das hängt damit zusammen, wenn einen die Ministerialregierung reinreden kann bis auf eine unbestimmte Ebene, dann sind Sie nicht besonders flexibel in ihren Denken und ich finde schon, dass sich da  Manches verändern müsste!"

Martin Roth

2016 zum Präsidenten des Instituts für Auslandsbeziehungen ernannt, hätte er seine internationalen Kontakte weiter einsetzen wollen. Im Alter von 62 Jahren ist Martin Roth in Berlin, wo er seit 30 Jahren seinen Lebensmittelpunkt hatte, nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.





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