Bayern 2 - kulturWelt


15

Film-Dokumentation "Die letzten Männer von Aleppo"

Im vom Krieg zerrütteten Aleppo in Syrien ist es der Syrische Zivilschutz, der all seine Kräfte aufbietet, um der Bevölkerung zu helfen. Die Filmemacher begleiteten die freiwilligen Helfer zwei Jahre lang bei ihrem Einsatz.

Von: Kirsten Martins

Stand: 14.03.2017

"In diesem Film geht es nicht um das Sterben und Töten, sondern um das Leben! Die Kraft des Lebens! In den Feuerpausen spielen zwischen den Ruinen der Weißhelm Khaled und seine Mitstreiter Fußball, Khaled lacht mit seinen beiden kleinen Töchtern und er hält sich sogar Goldfische in einem winzigen Bassin. Er und alle anderen wissen, dass der Krieg nicht so bald endet, es gibt keine schnelle politische Lösung. Ihre traumatische Situation, ihre Erlebnisse können diese Männer emotional nur überstehen, weil sie etwas lebenswertes tun und gemeinschaftlich handeln."

Firas Fayyad

"Für Assad sind Journalisten Feinde"

Firas Fayyad wurde in der Nähe von Aleppo geboren, er studierte Film in Paris. Nachdem er in Syrien einen Dokumentarfilm über die bedrohte Redefreiheit in Syrien unter der Herrschaft Assads gedreht hatte, bekam er die Konsequenzen am eigenen Leib zu spüren: Er wurde verhaftet und kam ins Gefängnis.

"In dem Gefängnis sah ich Folterungen und Morde. Für Assad sind Künstler, Journalisten und Filmemacher die Feinde der staatlichen Autorität – hat nicht Trump grade dasselbe gesagt?! Auch humanitäre Helfer - Ärzte, Mitarbeiter des Roten Kreuzes - wurden gefoltert und getötet. Nach meiner Freilassung traf ich in Aleppo die Weißhelme, und begann mich auf einige von ihnen zu konzentrieren. Ich wollte zeigen, warum diese Männer genau an den Ort rennen, von dem alle anderen Menschen weglaufen."

Firas Fayyad bloßen Händen

Fassbomben verwandeln Aleppo in ein Ruinenmeer, Häuser fallen in sich zusammen Staubwolken steigen auf, Sirenen kreischen. Die Weißhelme springen in ihren Wagen, sausen zu den Bombeneinschlägen während ihnen fliehende Menschen schreiend entgegenkommen. Mit Spitzhacken, Schaufeln, manchmal mit bloßen Händen graben Khaled, die beiden Brüder Mahmoud und Ahmed zwischen rutschenden Trümmern, Steinplatten und geborstenen Mauern, die jeden Moment zusammenbrechen können, nach Verschütteten. Oft müssen sie Tote bergen, aber immer wieder können sie Schwerverletzte bergen und ihre Leben retten.

"Wenn sich diese Männer für diese lebensgefährliche Arbeit entscheiden, wollen ihre Familien das nicht. Doch diese Menschen denken zuerst einmal an die anderen, denn niemand tut das, was sie tun. Auch sie denken ständig darüber nach nach, ob sie gehen oder bleiben sollen. Doch sie sind ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens, wo sie auftauchen, fühlen sich Menschen sicherer, sie haben wieder Hoffnung. Viele junge Männer machen mit, denn dort können sie etwas tun. Statt zu den Terroristen zu gehen, werden sie Weißhelme. Sie übernehmen Verantwortung für ihr Land, ihre Stadt und ihre Mitmenschen. In diesem schrecklichen Chaos zeigen sie, das man etwas mit seinem Leben machen kann."

Firas Fayyad

Filmemacher in Lebensgefahr

Ein Jahr lang folgt Dokumentarfilmer Firas Fayyad in "Die letzten Männer von Aleppo" dem Familienvater Khaled und den Brüdern Mahmoud und Ahmed  deren Eltern glauben, sie würden in der Türkei arbeiten. Unermüdlich hetzen diese meist weißüberstaubten Männer durch die zerbombten Stadtteile von Aleppo. Dramatische Rettungsszenen, schmerzhafte Momente.  Kurze Szenen der Verzweiflung, wenn Mahmoud nach einem Einsatz, im Wagen sein Gesicht zwischen den Händen verbirgt und Khaled am ganzen Körper zittert. Ständig blicken die Kinder, Frauen und Männer in den Himmel von Aleppo, suchen nach Hubschraubern, Kampfjets, Kondensstreifen. Als durch eine Autobombe ein Wagen mit vier Insassen explodiert, fahren Mahmoud und Ahmed los, kaum ausgestiegen, werden sie und der Kameramann vor dem noch brennenden Wagen beschossen. Während der Dreharbeiten waren die Filmemacher wie die Weißhelme oft in Lebensgefahr, dennoch sind die Aufnahmen von Aleppo, vom Alltag der Männer in den Ruinen klar und ruhig, besitzen manchmal eine fast surreale Schönheit.

"Als dokumentarischer Filmemacher beschäftigt man sich mit der Frage des subjektiven oder objektiven Blicks. Doch als wir beschossen und bombardiert wurden, dann Kinder, Frauen und Männer unter ihren Häusern begraben wurden, da wollte ich nur noch die Kamera wegwerfen und ihnen helfen. Der Ton der einschlagenden Bomben ist so schrecklich laut, er kann einen taub machen. Wenn eine Fassbombe einschlägt, wird man noch 100 Meter weiter zu Boden geworfen. Einmal wurde ich ohnmächtig, als ich aufwachte, habe ich meinen Körper berührt, und wusste, daß ich noch lebe, und dann bin ich losgestürmt, um den anderen zu helfen."

Firas Fayyad

Khaled kauft nachts Goldfische

Dieser unvergessliche Dokumentarfilm holt den Zuschauer hinein in das belagerte, umkämpfte Aleppo von 2014. Wer ihn sieht, spürt, was Krieg bedeutet. Der nächtliche Markt, auf dem Khaled ein paar Goldfische kauft, eine Apotheke ohne Medikamente, und nur kurz einmal im Freien spielende Kinder, die jedoch sofort ins Haus flüchten, sobald sie ein Flugzeug am Himmel sehen. Die Weißhelme, von denen einige während der Dreharbeiten bei ihren gefährlichen Einsätzen sterben, möchten nicht zu Helden verklärt zu werden. Schamhaft blickt Mahmoud zur Seite, wenn gefilmt wird, wie der Junge, dem er das Leben rettete, ihn mit großen Augen dankbar bestaunt.

Weißhelme arbeiten jetzt in Camps

"Die letzten Männer von Aleppo" schildert parteiisch und emotional den heroischen Einsatz der Weißhelme, politisch-analytische Hintergrunderklärungen a la TV-Reportage bleiben absichtsvoll unerwähnt. All das würde diesem so wichtigen Dokument seine Zeitlosigkeit nehmen, seine emotionale Wucht. Heute haben die Weißhelme Aleppo mit anderen Einwohnern verlassen, sie helfen den Menschen jetzt in den Camps, die noch immer bombardiert werden. Firas Fayyad arbeitet in Dänemark an einem Dokumentarfilm über Frauen in Damaskus.

"Ich bekomme jeden Tag Drohungen und Hassmails, und ich weiß auch von wem. Wie die Weißhelme, bin auch ich, für das Assadregime ein Feind. 'Die letzten Männer von Aleppo' dokumentiert seine Verbrechen, wie er und auch die russischen Bomben das Leben so vieler Menschen zerstören."

Firas Fayyad


15