Karl Hubbuch Den Menschen im Fokus
In seinen Werken zeigen die Frauen der 20er-Jahre Busen und Bein. Karl Hubbuch war einer der wichtigsten Maler und Zeichner der Neuen Sachlichkeit. Mehr als 30 Jahre nach seinem Tod entdeckt das Stadtmuseum München ihn noch einmal neu - als Fotograf.
Eine junge Frau in Ringeltop und Hotpants: Dicht am Körper hält sie einen Besen, schiebt ihn aus der Hüfte vorwärts und sieht, den Lockenkopf leicht geneigt, am Stil entlang zu Boden. Folgt der Betrachter ihrem Blick, landet er unwillkürlich bei ihren nackten Beinen.
Der Fotograf dieser für die 1920er-Jahre anrüchigen Inszenierung ist eigentlich ein bekannter Maler der Neuen Sachlichkeit. Auf dem Foto steht er im Morgenmantel gleich hinter der jungen Frau und richtet theatralisch einen Fön auf seinen offenen Mund. Tatsächlich - so hat man Karl Hubbuch noch nie gesehen.
In seinen Fotografien ist er Komödiant, Beobachter und Regisseur zugleich. Vor allem inszeniert er sich hier aber in seiner Rolle als Fotograf. Die Ausstellung im Stadtmuseum gibt nun erstmals einen Einblick in diesen Bereich seines Schaffens.
Jahrelange Detektivarbeit
Bereits vor zehn Jahren hatte der Kunsthistoriker Wolfgang Hartmann 600 Negative und 100 Originalabzüge an das Museum gegeben. Doch nichts davon war beschriftet. Erst Karin Koschkar, Kuratorin der Ausstellung, machte sich für ihre Dissertation daran, Orte, Zeit und die Personen auf den Fotografien zuzuordnen. Jahrelange Detektivarbeit, die sie bis ins Museum of Modern Art nach New York führte, wo sie weitere 90 undatierte Fotografien Hubbuchs fand.
Auch andere Zeichner und Maler der Neuen Sachlichkeit wie Georg Grosz oder Lyonel Feininger haben sich intensiv mit Fotografie beschäftigt. Hubbuchs Arbeiten gehen nach Ansicht Koschkars aber über reine Vorstudien hinaus.
"Typisch für die 20er-Jahre spielt er mit gebrochenen Perspektiven; Elemente wie Spontanität und Experimentierfreudigkeit zählen heute zu den Charakteristika der Bauhaus-Fotografie."
Karin Koschkar, Kuratorin
Das Foto als Bühne
Mit seiner Frau Hilde inszeniert Hubbuch Szenenfolgen wie kleine Theaterstücke. Geschlechterrollen verschwimmen: Oft steht sie selbstbewusst im Vordergrund, mit hochgerecktem Kinn und Zigarettenspitze in der Hand, während er als archaische Karikatur seiner selbst ein Nudelholz schwingt.
Der Maler Hubbuch verschwindet allerdings nicht ganz, wenn der Fotograf Hubbuch am Werk ist. Denn die Gemälde erobern Hinter- und Vordergrund vieler Fotografien. In ihnen sind sogar Zeichnungen und Aquarelle dokumentiert, die es heute so nicht mehr gibt. „Zweimal Hilde“ etwa, als es noch viermal Hilde und doppelt so groß war. Hubbuch hat es später zerschnitten. Oder eine weitere Version des "Liegenden Aktes". Sie ist in einer Fotografie an der Wand zu sehen, mit zwei Frauen statt nur einer. Heute gilt die Zeichnung als verschwunden.
Ausstellung
„Karl Hubbuch und das Neue Sehen. Fotografien, Gemälde, Zeichnungen 1925-1935“ zeigt 170 Fotografien, Zeichnungen und Gemälde, die zwischen 1925 und 1935 entstanden sind. Zu sehen ist die Ausstellung vom 28. Oktober 2011 bis 4. März 2012 im Münchner Stadtmuseum.
Auch außerhalb des Ateliers erforscht Hubbuch seine Umgebung mit der Kamera. Die Ausstellung zeigt Stadtansichten aus Karlsruhe, Trier und Paris. Hubbuch fotografiert Unbekannte - doch jedes Bild hat seine Hauptperson: ein kleiner Junge an der Friedhofsmauer, eine alte Frau, ein Mann auf einem Zaun. Erst in den Aufnahmen aus den 30er-Jahren, als die Machtergreifung der Nationalsozialisten naht, verschwindet das Individuum in der Masse.
Auch die Modellbildnisse verändern sich. Ende der 20er-Jahre fotografiert Hubbuch die Tänzerin Martha. Anders als die ungestüme Hilde, mit den wilden Haaren und raumeinnehmenden Bewegungen, ist bei Martha alles Kalkül. Frisur, Kleidung, Augenaufschlag – alles komponiert, bisweilen steif. Die Dritte im Bunde ist Marianne, die Ruhelose. Ab 1929 konzentriert sich Hubbuch bei ihr auf Bewegungsstudien, etwa beim Sport. Marianne wird sein erstes Aktmodell. Hubbuch sucht stets nach einem Ausdruck der Persönlichkeit. Der Mensch steht im Mittelpunkt – für den Maler ebenso wie für den Fotografen.

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