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Georg Baselitz zum 75. Aggressiv und mächtig produktiv

"Aggression finde ich die wichtigste Voraussetzung zum Bildermalen", sagte Georg Baselitz einmal. In der Tat, Zerstörung macht in vielen Aspekten sein Schaffen aus. In diesem Jahr wurde der so provokante wie bekannte Künstler, der in Inning am Ammersee lebt, 75!

Stand: 21.09.2013

Aggression als Inspirationsquelle? Klar! Aggression empfahl Georg Baselitz auch seinen StudentInnen - als Kunstprofessor in Karlsruhe und später dann in Berlin. Natürlich pries er die Zerstörungswut nicht um ihrer selbst willen an, sondern weil sie die Sicht und den Raum freimacht für Neues, für andere, bislang unerprobte Wege und Erfahrungen. In diesem Sinne kann man das gesamte Œuvre dieses Künstlers, der weltweit zu den bedeutendsten zählt und immer wieder Rekordpreise erzielt, als eine einzige Folge von Aggressionen erzählen.

Renitenz, die ungebärdige Weigerung den sozialistischen Realismus mitzumachen, brachten schon nach zwei Semestern den in Ostberlin studierenden Kunststudenten Baselitz 1957 in den Westen, wo er zunächst in Trier, dann bis 1962 an der HdK in Westberlin fertig studierte.

Angriff auf die Prüderie der 60er und einen alten Heldenmythos

Die Zerstörungswut, die ihn dann ein Jahr später berühmt machte, richtete sich gegen die ungeheure Prüderie der deutschen Nachkriegsgesellschaft: Die störte er 1963 mächtig auf mit seinem Bild eines onanierenden nackten Mannes, groß, deformiert und kümmerlich: "Die große Nacht im Eimer". Bald nach Ausstellungsbeginn wurde das Gemälde in der Galerie Werner & Katz in Berlin beschlagnahmt und Baselitz der Prozess gemacht. Zwei Jahre später griff er einen Mythos an, der so alt ist wie die europäische Geschichtsschreibung: den Heldenmythos. Dem Ideal des weltschaffenden Helden setzte er den hinfälligen, ausgesetzten Antihelden Beckettscher Provenienz entgegen.

Auf den Kopf gestellt: Zerstörung der Sehgewohnheiten

Umkehr

"Ich finde diesen Kompromiss, den Maler eingehen, indem sie etwas machen, was man in die Landschaft stellen kann im Vergleich ... ganz schlecht für die Kunst. Ich finde das kompromittierend. Ich finde, eine Landschaft muss den Vergleich der gemalten Landschaft nicht aushalten.  Es sollte nie in die Verlegenheit dieses Vergleichs kommen. Und das betrifft Porträts ebenso wie Stilleben auch. Und deshalb ist diese Umkehrung doch wirklich eine intellektuelle Maßnahme, über die man sich ein paar Gedanken machen sollte."
Georg Baselitz über seine Verfahren der Inversion

Sowohl die Abstraktion der westdeutschen Nachkriegskünstler als auch der Realismus der DDR-Künstler wecken bei den Betrachtern meist die Suche nach dem Gegenstand und der Bedeutung des Dargestellten. Indem er seine Bilder auf den Kopf stellt will Baselitz alte Sehgewohnheiten zerstören, dieses Kleben am "Inhalt" der Bilder auflösen und das Sehen rein auf die Malerei und den Prozess des Malens selbst lenken. "Der Wald auf dem Kopf" (1969) war das erste Kopfstandbild von Baselitz. Die Kopfstandfiguren wurden bald zu seinem Markenzeichen und begründeten weltweit den Ruhm des Malers.

Der Maler und das Modell: Erwartungen zerstört

Georg Baselitz: "Modell für eine Skulptur"

Als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart wurde Baselitz 1980 in den deutschen Pavillon der Biennale von Venedig eingeladen. Aber statt als Maler eines seiner berühmten Kopfbilder, überraschte er das Publikum als frisch gebackener Bildhauer und lieferte die Plastik "Modell für eine Skulptur": Eine noch halb im Block steckende Großskulptur, der die mühevolle Arbeit des Bildhauers förmlich auf den Leib geschrieben ist. Seit 1979 hat sich Baselitz verstärkt der Skulptur zugewendet: Er traktierte Holzblöcke mit Axt und Kettensäge und schuf mit diesen groben Werkzeugen wahrhaft erstaunliche, archaisch anmutende Werke.

"Aber es gibt Motorsägen. Die Firma heißt Stihl. Die arbeiten sehr sehr gut, die Sägen."

Baselitz Kommentar über die Mühen des Bildhauers

Rückkehr des Inhalts: Der Künstler revidiert sein Konzept

Trotz aller Erfolge - seit den 80er-Jahren besitzt jede bedeutende Kunstsammlung auf der Welt mindestens einen Baselitz - wurde Baselitz nicht müde, seinen eigenen Stil und sein Konzept in Frage zu stellen und notfalls eben zu zerstören. So revidierte er in den 90er-Jahren seine frühe Absage an die gegenständliche, auf externe Begebenheiten und Bedeutungen verweisende Kunst und erklärte seine neue Inhaltlichkeit leicht selbstironisch als "Sentimentalität des Älterwerdens". Es entstanden Werke wie die "Frauen von Dresden", eine 13-teilige Serie von rohen, zerklüfteten, knallgelb angemalten Frauenköpfen, die Baselitz zum Gedenktag des Mauerfalls in Dresden präsentierte: als Reflexion auf die Bombardierung der Stadt am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Remix und Schwärze: Der Künstler revidiert bahnbrechende Werke

Nicht nur das frühe Konzept seiner Malerei, auch seine ersten bedeutenden Bilder unterzog Baselitz von 2005 an einer eingehenden Prüfung, verwarf sie und malte sie neu. In der 2006 in der Münchner Pinakothek der Moderne gezeigten Baselitz-Schau "Remix" waren diese Rekreationen erstmals zu sehen: Statt der aggressiven Strichführung mit intensiven Farben von früher wiegen jetzt eher Leichtigkeit und hellere Farben vor.

Die neueste, gegen das eigene Werk gerichtete Aggression von Baselitz ist bislang nur in seinem Atelier am Ammersee zu besichtigen: Er lässt einige seiner (wahrscheinlich vorher kopierten) früheren Bilder unter einer schwarzen Farbschicht verschwinden. "Unsichtbare Bilder" wolle er jetzt malen, hatte Baselitz das groß angekündigt und damit gezeigt: Auch mit 75 Jahren hat er noch Lust auf Provokation.

Georg Baselitz

Am 23. Januar 1938 wurde Georg Baselitz unter dem bürgerlichen Namen Hans-Georg Kern als Sohn eines Lehrerehepaars in Deutschbaselitz/Sachsen geboren. 1961 kreierte er aus dem Namen seines Geburtsorts den Künstlernamen Baselitz.
2004 erhielt Georg Baselitz den Praemium Imperiale, der als "Kunst-Nobelpreis" gehandelt wird. Auf der Liste der Liste der weltweit bedeutendsten Künstler nahm er in den Jahren darauf Platz 6 und 7 ein. Seit 2006 lebt er mit seiner Ehefrau, der Künstlerin Elke Kretzschmar, mit der er seit 1962 verheiratet ist, in Inning am Ammersee.


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