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"Human - Die Menschheit" Dokumentarfilm von Yann Arthus-Bertrand

Der französische Regisseur hat rund um den Globus 2.000 Interviews mit Menschen geführt, die aus ihrem Leben erzählen, viele davon sind überwältigend. Es geht nicht um die großen Dinge, sondern um Grunderfahrungen des Menschseins.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 20.10.2016

Wir blicken in Gesichter. In schwarze und weiße. In asiatische und europäische. In junge und alte. In weibliche und männliche. In welche mit blauen oder schwarzen Augen. Mit Bärten oder Schönheitsflecken. Aber immer in Gesichter mit Augen, die uns ganz direkt anschauen. Mal mit einem sanften Lächeln. Mal ausdruckslos. Mal erschüttert und mal fröhlich. Wir begegnen Menschen aus über 60 Ländern, die in ebenso vielen Sprachen vor der Kamera aus ihrem Leben erzählen. Ein Kaleidoskop entsteht – aus Lebensfreude, Glück und Sehnsucht; aus Angst, Trauer und Schmerz.

Kaleidoskop aus Menschen

"Wir haben ungefähr 2.000 lange Interviews überall auf der Welt geführt, immer so eine bis anderthalb Stunden lang. Es gibt bestimmte Oberthemen, z. B. den Krieg. Die Frage ist: Warum führen die Menschen immer wieder Krieg? Wir sind für die Antworten nach Israel und Palästina gereist, nach Syrien und Kambodscha, nach Ruanda und auch in die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir haben dort mit Kriegsveteranen gesprochen – und ich war so überrascht, zu erfahren, dass von den Soldaten, die im Irak kämpften, jeden Tag sieben Selbstmord begehen. Es sind also inzwischen mehr Soldaten nach ihrer Rückkehr gestorben als auf dem Schlachtfeld. Ich wollte wissen, warum das so ist, und erfuhr, dass es dich einfach verrückt macht, jemanden zu töten, das lässt Dich Dein Leben lang nicht mehr los."

Yann Arthus-Bertrand

Wenn man Yann Arthus-Bertrand gegenüber sitzt, ist man etwas irritiert, denn der französische Fotograf und Umweltschützer erzählt solche Dinge ganz entspannt, mit einer immer wieder aufblitzenden Lebenslust, die man bei solch‘ schweren Themen nicht erwartet. Aber, sagt er, er habe gelernt, den Menschen, egal welches Schicksal sie erlitten hätten, mit Unvoreingenommenheit, großer Offenheit und immer einer positiven Einstellung zu begegnen.

Zuhören ohne "Schubladendenken"

Vermutlich ist es diese Haltung, die die Menschen vor der Kamera von Yann Arthus-Bertrand ermutigt, sich ihm zu öffnen. Da ist jemand, der ihnen zuhört, ohne sie zu bemitleiden oder zu beglückwünschen, je nachdem was ihnen widerfahren ist. Da ist jemand, der sie nicht gleich in eine Schublade steckt – ob nun Mörder, Kriegsopfer oder Glückskind – sondern versucht, ihnen ohne ein vorschnelles Urteil zu begegnen.

Schläge aus "Liebe"

Der Film beginnt mit einem Schwarzen, der erzählt, wie er als Kind von seinem Stiefvater geschlagen wurde. Wie der ihm erklärte, er schlage ihn aus Liebe. Der Mann sagt, er habe dann selbst angefangen, Zuneigung und Gewalt, Liebe und Schmerz, zu verbinden. Bis er ins Gefängnis kam – und erst viel später begriff, was Liebe wirklich bedeutet. Man erfährt in diesem teilweise sehr intensiven Film nichts über die Begleitumstände solcher Schicksale. Keine Namen und keine Orte. Yann Arthus-Bertrand geht es nicht um Betroffenheit oder Empathie, sondern um Solidarität.

Anonymität bleibt gewahrt

Ein voyeuristischer Blick wird mit der Anonymität der vielen verschiedenen Schicksale vermieden. Wesentlich ist: Wir selbst setzen uns zu jedem Menschen, den wir auf der Leinwand sehen, in Beziehung. Letzten Endes geht es um jeden von uns in diesem Film. Und wir alle werden mehr und mehr von dem Gefühl erfüllt, nicht alleine zu sein auf diesem Planeten.

Natürlich ist diese Arbeitsweise umstritten, viele Zuschauer monieren, sie wünschten sich mehr Information und inhaltliche Komplexität. Und sie würden sich an den zwischengeschnittenen Luftaufnahmen von wunderschönen Landschaften stören, unterlegt mit schwebender Ethno-Musik. Da ist der Kitsch oft nahe. Aber die große Kunst dieses Films sind die Interviews – und viele davon sind tatsächlich überwältigend.

"Jeder von uns habe die Aufgabe, zu erkunden, was Menschlichkeit bedeute. Es müsse nicht immer nur um die ganz großen Dinge gehen, auch die kleinen seien wichtig – bisweilen würden wir das vergessen… ."

Yann Arthus-Bertrand


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