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"Das Ministerium des äußersten Glücks" Der neue Roman von Arundhati Roy

Vor fast 20 Jahren wurde Arundhati Roy mit ihrem Erstling "Der Gott der kleinen Dinge" weltberühmt, nun legt sie ihren zweiten Roman vor. Eine Geschichte aus einer brüchigen Welt, scharf, komisch, poetisch. Weltliteratur aus Indien.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 10.08.2017

"Sie lebte auf dem Friedhof hinter dem staatlichen Krankenhaus. Gesellschaft leistete ihr der Godrej-Almirah aus Stahl, in dem sie ihre Musik aufbewahrte – verkratzte Schallplatten und Kassetten -, ein altes Harmonium, ihre Kleider und ihren Schmuck, die Gedichtbände ihres Vaters, Fotoalben und ein paar Zeitungsausschnitte ... Sie schlief auf einem fadenscheinigen Perserteppich, den sie tagsüber einschloss und abends zwischen zwei Gräbern entrollte … Sie raucht noch immer. Navy Cut."

Arundhati Roy, Das Ministerium des äußersten Glücks

Ein seltsames Gästehaus auf dem Friedhof

Aftab ist Anjum, er ist sie, ein Hermaphrodit, eine Hijra doppelten Geschlechts, eine Ex-Prostituierte, innerlich zerrissen wie ihr Land. Erst verließ sie ihre Familie, die nur den Sohn wollte, dann das Bordell, nun lebt Anjum auf einem Friedhof in Delhis Altstadt und versammelt alle um sich, die in Indiens Gesellschaft keinen Platz finden. Mit ihrem seltsamen Gästehaus beginnt und endet "Das Ministerium des äußersten Glücks", dazwischen entfaltet sich ein überbordendes Panorama Indiens, alles von grausamen Kriegen bis zu äußerstem Glück; ein Palimpsest mit tausend Schichten und Geschichten, ein reales Märchen, labyrinthisch verflochten wie ein Banyan-Baum mit tausend Luftwurzeln, farbenbunter als ihre berühmten mutigen Essays.

"Wenn ich mich einmische, dann im Interesse anderer. In der Frage der Staudämme etwa, spreche ich Hunderttausenden vertriebenen Menschen aus der Seele. Wenn es um Kaschmir geht, um die Justiz, die Privatisierung, werde ich immer als die einsame mutige Stimme gesehen, aber das ist nicht wahr. Ich kenne kaum einen Schriftsteller, der von so vielen Armen gehalten wird wie ich."

Arundhati Roy

Starke, zerrissene Figuren

Eine Stärke Arundhati Roys sind ihre Figuren, allesamt Zerrissene: Anjum, die Hijra, und Tilottama, die einen sanften Rebellen aus Kaschmir liebt und ihrer Autorin gleicht; der geschundene Dalit, der sich Saddam Hussein nennt, weil er dessen Würde im Tod bewundert; Biblo Dasgupta, der Intellektuelle, der seine Ideale verriet und zum Geheimdienstler wurde; Amrik Singh, die Inkarnation des Bösen; Soldaten, Rebellen und Mörder; Moslems und Unberührbare, Politiker, Zivilisten, Maoisten, Dschihadisten und Hindu-Fanatiker, Obdachlose, Ureinwohner, Malträtierte und ihre Hen-ker. Und dazwischen Delhi als eine Hauptfigur mit Eigenleben und Kaschmir, die umkämpfte, verwundete von Indien besetzte Region.

"Mehr und mehr habe ich heute das Gefühl, Fiktion ist die eigentliche Wahrheit. Nehmen Sie den Fall Kaschmir: Sie können in einem Bericht Fakten und Zahlen auflisten, namenlose Gräber oder Todesfälle, aber das sagt nichts darüber, wie es ist, 25 Jahre unter Waffen zu leben; nichts über den psychologischen Einfluß auf die Menschen, die Armee, die Soldaten."

Arundhati Roy

Hinreißend komisch und messerscharf

Bei allem Grauen erzählt Arundhati Roy mit Humor: Hinreißend komisch und messerscharf sind ihre Karikaturen von sensationsgierigen Medien, Künstlern und Politikern wie Mohaman Singh, dem früheren Premier, hilflos zwischen den Machtblöcken wie ein gefangenes Kaninchen; vom heutigen Regierungschef Narendra Modi, genannt Gujarat Ka Lalla, dem Hindu-Nationalisten mit dem Instinkt eines Raubtiers, der ein Massaker an über tausend Menschen zu verantworten hat und Indien spaltet. Sie erzählt von Opportunisten und düsteren Kriegern wie Amrik Singh, dem Offizier, der in Kaschmir wütet und sich später in den USA als Opfer ausgibt. Ein grandioses Mosaik der Lebensgeschichten.

"Nehmen wir Amrik Singh, einen Soldaten, den man leicht als bösen Schurken sehen könnte; eine Figur, die aus dem System der Straflosigkeit unter den indischen Besatzern Kaschmirs erwächst. Er besucht einen sogenannten Freund, einen Kaschmiri, stellt sein Gewehr neben die Kekse und sagt zu einem mutmaßlichen Rebellen: 'Wäre es nicht schrecklich, wenn du hier gefunden würdest?'. Das verletzt noch keine Menschenrechte, aber es zeigt aber die Atmosphäre, in der Schrecken gesät wird."

Arundhati Roy

Essayistin, Aktivistin - und Literatin

"Das Ministerium des äußersten Glücks" ist politischer, facettenreicher, überbordender als "Der Gott der kleinen Dinge". Sprachmächtig verhandelt Arundhati Roy große Politik als Roman, ja als Märchen. Wer in ihr nur die Aktivistin und Essayistin, nicht die Literatin sieht, verpasst die magischen Momente, die poetischen Bilder, den Zauber ihres Erzählens: Das Grauen ist eine "bittere Schale", der Kapitalismus wie vergifteter Honig. Arundhati Roy ist eine Moralistin, aber sie predigt und psychologisiert nicht. Sie erzählt mit scheinbar leichter Hand, was Menschen tun. Manchmal mag der Fülle von Geschichten die zentrifugale Kraft fehlen, aber auch Indien, das Modell dieses überwältigenden Romans, gerät aus den Fugen, trotz aller Regeln von Kasten, Klassen, Religionen.

"Ein Essay ist eine dringende Intervention mit Argumenten. Ein Roman ist das Gegenteil von dringend und fristgerecht, das Gegenteil des Arguments. Er ist wie eine Stadt, wie eine Metropole Indiens. Er hat Straßen und Sackgassen, ist spontan und geplant. Ich wollte keinen folgsamen, zivilisierten Roman schreiben, so wie sich die Leute einen Roman vorstellen, sondern wollte die Erwartungen brechen, denn die Dinge sind brüchig hier, bei uns, in dieser Welt. Ich erzähle eine zertrümmerte Geschichte."

Arundhati Roy

Gewidmet den Ungetrösteten

Arundhati Roys fabelhafter Roman feiert die Vielfalt, Myriaden von Themen und Figuren, die aus dem Dunkel ins Licht gehoben werden. Er ist ein verführerisches, wildes Tier, ein fesselndes, reich orchestriertes Porträt des Subkontinents mit tausend Facetten, vom Kaschmir-Konflikt über Bhopal, vom Massaker an Moslems in Gujarat unter Narendra Modi bis zur Entwurzelung der Ureinwohner, der Adivasi und der Vertreibung von Obdachlosen mit Bulldozern in den Metropolen. Das Wunderbare dabei: Arundhati Roy widmet ihren Romanen den Ungetrösteten und setzt dem Elend und den Kräften der Zerstörung Menschlichkeit entgegen. Selbst verwoben mit Oppositionellen, denen sie all die Jahre ihre prominente Stimme lieh, zeigt sie Solidarität als Lebensmodell. Am Ende ist aus Anjums einsamem Domizil im Friedhof eine wundersame Wohngemeinschaft geworden. Dort zählen – allen Schrecken zum Trotz – Empathie, Freude, Liebe und äußerstes Glück.

"Der Titel meint Menschen, die mitten im Aufruhr leben, und sich ihm doch nicht völlig unterwerfen. Sie finden, trotz allem, Räume der Schönheit, der Ruhe. Sie erkennen, der Aufruhr erfaßt sie, aber er besitzt sie nicht."

Arundhati Roy


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