Bayern 2 - Kulturjournal

Bilder des Kosmos Thomas Ruff und Harald Lesch im Gespräch

Saturnmonde oder Mars-Landschaften: Der Fotograf Thomas Ruff blickt ins All. In dessen Unendlichkeit sind Physiker wie Harald Lesch theoretisch fast zu Hause. Die Aufnahmen, die Raumsonden zur Erde schicken, haben es beiden angetan.

Stand: 17.02.2012
ma.r.s. 13, 2011 | Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Kunst und Wissenschaft machen sich unterschiedliche Bilder von der Welt - und vom Weltall. Der Fotograf Thomas Ruff, schon als Heranwachsender fasziniert von Sternen und Kosmos, nutzt die Ergebnisse und Möglichkeiten der Forschung auf seine Weise: Seit einiger Zeit arbeitet er mit Fremdmaterial, mit Aufnahmen von Sonden, Teleskopen, Robotern. Bereits Ende der 80er-Jahre entstand so die Serie "Sterne" mit Bildern vom südlichen Himmel, etwa 20 Jahre später folgte das Projekt "Cassini" mit NASA-Aufnahmen von Saturn und seinen Ringen, die Ruff in Ausschnitten vergrößerte, kolorierte und zu abstrakten Bildern machte.

Die jüngste Serie des Künstlers befasst sich mit topografischen Aufnahmen vom Mars. Ausgangsmaterial sind ebenfalls NASA-Daten. Die Eingriffe Ruffs kalkulieren unsere Sehgewohnheiten mit ein: So hat er zum Beispiel die Perspektive der senkrecht aufgenommenen Fotos "gestaucht", so dass sich der hintere Teil des Bildes nach oben klappt und der Eindruck entsteht, man blicke aus einem Flugzeug auf die Marsoberfläche.

Das Auge des Betrachters

Das ist - noch - Science-Fiction, aber eine, die Aufschluss darüber gibt, wie wir mit Bildern umgehen, uns Bilder aneignen. Allen Erfahrungen mit Manipulation und Bearbeitung zum Trotz gibt es eine Art naiven Realismus im Umgang mit der Fotografie.

"cassini 01" (2008), aus der Serie cassini

Thomas Ruff spricht vom "Kontinuum" zwischen Fotografie und Wirklichkeit: Wenn wir ein Foto sehen, sehen wir nicht das Medium, sondern meinen, die Realität selbst vor uns zu haben. Zwar ist jedem mündigen Betrachter klar, dass Fotograf und Technik das Dargestellte immer in bestimmter Weise zeigen, dennoch sind die meisten bereit, der Fotografie zu trauen. Indem Ruff nun den maschinell erzeugten Aufnahmen vom Mars eine gewohnte, eine "irdische", menschliche Perspektive aufsetzt, überführt er den genannten Realismus seiner Irrtumsanfällgikeit. Und er macht deutlich, was Bildwahrnehmung heißt: Wir sehen Bilder, das betont auch der Naturwissenschaftler Harald Lesch, indem wir sie deuten, und das heißt auch: Wir sehen sie mit Augen und Gehirnen, die durch die Summe unserer Erfahrung vorgebildet sind.

Der Fotograf und der Physiker

Thomas Ruff

Thomas Ruff vor einem seiner Kosmosbilder | Bild: picture-alliance/dpa


Thomas Ruff, geboren 1958 im Schwarzwald, begeisterte sich schon als Schüler für Astronomie und Fotografie. Nach dem Abitur studierte er bei Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie Fotografie. Seit Beginn der 80er-Jahre befasste sich Ruff mit Porträts, zunächst in kleinen, später in sehr großen Formaten. Die Fotos zeigen die Porträtierten frontal und ohne lesbaren Umraum und stellen so in ihrer Ästhetik die Frage nach der "Neutralität" des Mediums Fotografie. In ähnlicher Bildsprache fotografierte Ruff Häuser und Fabriken.

1995 bespielte Ruff den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit Überblendungen von Porträts. Ende der 90er-Jahre befasste er sich verstärkt mit den Möglichkeiten der digitalen Technik - und wurde zeitweise zum Fotografen ohne Kamera: Er bearbeitete aus dem Internet heruntergeladene Bilder, experimentierte mit der Unschärfe. Spätere Serien gehen noch weiter: Ruff vergrößerte die Pixelstruktur digitaler Bilder so stark, dass sie zu abstrakten Formationen wurden. Und er setzte mit Hilfe eines Computerprogramms mathematische Formeln in Linienstrukturen um, die als Inkjet-Prints auf Leinwand gebracht wurden. Realitäten zeigen, erforschen, schaffen - Thomas Ruff hat die Grenzen der Fotografie erweitert.

Harald Lesch

Harald Lesch | Bild: Bayerischer Rundfunk


Harald Lesch, Jahrgang 1960, nach eigenen Angaben praktisch in der Gaststätte seiner Großeltern im hessischen Mücke aufgewachsen, studierte nach dem Abitur zunächst in Gießen, dann in Bonn Physik. Seine Dissertation behandelte ein Thema aus der Radioastronomie. Lesch arbeitete als wissenschaftlicher MItarbeiter am Max-Planck-Institut in Bonn, eine Gastprofessur führte ihn nach Toronto. 1995 wurde Lesch Professor für Theoretische Astrophysik in München und zugleich Leiter der Universitäts-Sternwarte.

Als Student war Harald Lesch Hobby-Kabarettist - den eloquenten Auftritt abseits des Hörsaals hat er auch später mit Erfolg gesucht: Lesch wurde als Moderator von Wissenssendungen im Fernsehen bekannt, etwa in BR-alpha mit "Alpha centauri" oder den Reihen "Denker des Abendlandes" und "Lesch & Co". 2008 übernahm Lesch die Moderation von "Abenteuer Forschung" im ZDF. Über die rein naturwissenschaftliche Perspektive denkt Lesch gern hinaus, etwa wenn er das Verhältnis von Wissenschaft und Religion mit Theologen debattiert oder die wissenschaftlichen Elemente einer Science-Fiction-Serie herausarbeitet. Für seine Verdienste als Vermittler wurde Lesch mit dem "Communicator-Preis" der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

Digitale Bilderwelten

Die digitale Technik verändert wissenschaftliche Arbeit ebenso wie künstlerische Möglichkeiten. Der Physiker Harald Lesch nennt die Digitalisierung einen "Sprung in eine andere Welt", der mit der Quantenmechanik auf einer Theorie beruhe, die kaum jemand verstanden habe. Dennoch sind die praktischen Ergebnisse spektakulär: Die hohe Auflösung heutiger Aufnahmen vom Mars etwa zeigen die Oberfläche des Planeten in nie dagewesener Deutlichkeit.

Das bedeutet auch eine Desillusionierung: Während man früher einiges Geheimnis darum machen konnte, was sich hinter unklar lesbaren Details verbergen könnte, hat man nun, so Lesch, Formationen von Steinen und Schutt vor sich. Für den Fotokünstler Thomas Ruff zeigen die technischen Möglichkeiten den "prothetischen" Charakter der Fotografie: Mit ihrer Hilfe lassen sich Dinge sehen, die mit bloßem Auge niemals zugänglich gewesen wären. Und der Mensch, der in den Bildern umherwandert, kann sich fast so fühlen, als habe er den Mars schon bereist.

Gerade an Bildern von fernen, kosmischen Welten stellen sich einige Grundsatzfragen des Mediums Fotografie in besonderer Weise: Gibt es eine größere "Objektivität" einer Aufnahme, wenn Maschinen am Werk sind? Wie sehr greift unsere Farbwahrnehmung in die Wirklichkeit ein? Welche Realitäten sehen wir in einem Raum, in dem längst erloschene Sterne noch ihr Licht aussenden? Wir werden die irdische Perspektive nicht los, so viel ist klar. Und was die Realität hinter all den Bildern ist, die wir uns von ihr machen, bleibt eine offene Frage. Eine, die den Fotografen Thomas Ruff und die Kunst und Wissenschaft nicht loslassen wird.

Große Ruff-Ausstellung in München

Im Münchner Haus der Kunst ist gerade eine Ausstellung eröffnet worden, die das Werk Thomas Ruffs erstmals seit zehn Jahren umfassend präsentiert und seine künstlerische Entwicklung chronologisch nachzeichent. Zu sehen sind auch Kosmosbilder des Fotografen. Aus diesem Anlass hat Wilhelm Warning den Fotografen Ruff und den Astrophysiker Harald Lesch zum Gespräch über unsere wissenschaftlichen und künstlerischen Bilder vom Kosmos gebeten. Zu hören ist es in der Sendung am Sonntag, 19. Februar 2012, ab 18.05 Uhr auf Bayern 2.