Bayern 2 - Kulturjournal


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Dichter und Wende-Chronist Thomas Rosenlöcher zum 70. Geburtstag

Die Lyrik von Thomas Rosenlöcher beschwört die fragile Schönheit von Blüten oder Schnee, erprobt den Rückzug - und landet immer wieder mitten in der Welt. Sein Wendetagebuch machte den Dichter aus Dresden in ganz Deutschland bekannt.

Stand: 19.07.2017

Thomas Rosenlöcher | Bild: picture-alliance/dpa

"Der Depression ist nur mit Arbeit zu begegnen", notierte Thomas Rosenlöcher im Spätsommer 1989 in seinem Dresdener Tagebuch, das später unter dem Titel "Die verkauften Pflastersteine" veröffentlicht wurde. Rosenlöcher schreibt die Wendezeit mit, berichtet von Apathie und Euphorie, von seinen Plänen, sich für ein Stipendium in Worpswede zu bewerben, um "einen Fuß in den Westen zu setzen", von seiner Befürchtung, die Entfremdung des "zu Hause hockenden Künstlers" könne dort, wo alles viel "geschmierter geht", noch viel größer sein. Er erzählt von den Reportagen über die großen Fluchtwellen von DDR-Bürgern aus Ungarn im Westradio, von den schwachen Hoffnungen, die Menschen mit Reformen am Sozialismus zum Bleiben zu bewegen. Zwischen September 1989 und März 1990 wurde der Dichter Rosenlöcher zum Chronisten der laufenden Ereignisse - und machte sich damit über den Kreis der Lyrikfreunde hinaus einen Namen.

Richtiges Leben im falschen?

Rosenlöcher, geboren 1947 in Dresden, nahm auch sich selbst nicht von der kritischen Betrachtung der Existenz im "Dreibuchstabenland" DDR aus: Er schreibt von einer Mitschuld am So-Sein der Verhältnisse - als einer von denen, die diesen Staat hingenommen hätten. Und mehr als das: "Wäre ich kein Lügner, hätte ich nicht studieren dürfen", stellte er lakonisch fest. Nach Abschluss der Oberschule und dem Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee war Rosenlöcher zum Betriebswirtschafts-Studium an die TU Dresden gegangen, zur Literatur wechselte er 1976 mit der Einschreibung am Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig. Sein erster Gedichtband "Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz" erschien 1982.

"Es ging immer darum, etwas zu finden, was man nur selber hat, die eigene Sprache zu behaupten in einer sich nivellierenden Welt. Den Moment zu finden, in dem man das Gefühl hat: Jetzt spreche ich selber. Das hat einen Freiheitsanspruch."

Thomas Rosenlöcher im Kulturjournal-Gespräch mit Niels Beintker

Blüten, Engel, Schnee

Gegenüber der schnellen Wiedervereinigung war Rosenlöcher skeptisch, auch wenn er dem real existierenden Sozialismus nicht nachtrauerte. Die Verluste und Veränderungen für die Menschen sind in seinen Prosa-Arbeiten und seinen Gedichten lebendig, ebenso wie Erlebnisse aus der NVA-Zeit oder die Spannung zwischen Naturerfahrung und Politik. All diese großen Themen behandelt Rosenlöcher mit einer guten Portion feiner Ironie, die allzu viel Pathos entgegenarbeitet. "Schreiben ist ja auch Peinlichkeitsvermeidung", sagt der Dichter.

In Motiven wie Blüten, Engeln oder Schnee macht er immer wieder die Probe aufs Exempel, Schönheit anzuschauen - um dann zu zeigen, dass sie auch etwas Bestürzendes hat und den Kontrast zu allem anderen in der Welt, zu den Abgründen der Existenz, nur umso deutlicher markiert. Seinem lyrischen Spiel mit einem biedermeierlichen Rückzug ist stets bewusst, dass dieser Rückzug nicht gelingen kann, trotzdem wird er leicht trotzig beschworen: "Glücklich unter Rosen hocken / Wer das noch sagen könnte", heißt es im Gedicht "Unsagbar".

Fremd in der eigenen Stadt

Und heute? Über 25 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es eine neue Endzeitstimmung: Globale Krisen spitzen sich zu, Fronten verhärten sich, autoritäre Politiker finden weltweit Gehör. Und in Rosenlöchers Heimatstadt Dresden marschieren Bürger über die Straßen, die sich Ausgrenzung und Rassismus auf die Fahnen geschrieben haben. Er habe sich die Illusion gemacht, dass der Osten mit seiner Erfahrung einer friedlichen Revolution aufgeschlossener sei, als er es nun erleben müsse, sagt Rosenlöcher - und er fühle sich dort inzwischen auch ein wenig fremd.

Gegenüber dem mal wütenden, mal larmoyanten Ressentiment der Gegenwart ist noch immer gültig, was der Autor in seinem Wendetagebuch "Die verkauften Pflastersteine" über die letzten Tage der DDR schrieb: "Das immergleiche Gejammer über Unfreundlichkeit und Verfall macht utopie- also kunstunfähig." Sich die Möglichkeiten eines positiven Entwurfs, einer Utopie, eines schöpferischen Freiraums nehmen zu lassen, damit kann sich einer wie Rosenlöcher aber wohl nicht abfinden. Am 29. Juli wird der Dichter aus Dresden 70 Jahre alt.

Kulturjournal

Für das Kulturjournal hat Niels Beintker mit Thomas Rosenlöcher über Poesie und Zeit gesprochen.
Sonntag, 23. Juli 2017, ab 18:05 Uhr


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