Bayern 2 - Kulturjournal


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Demokratie auf Bewährung T.C. Boyle bangt um die USA

"L’enfer, c’est les autres", "Die Hölle, das sind die anderen", ist Motto der "Terranauten", des jüngsten Romans von T.C. Boyle. Das berühmte Sartre-Wort könnte aber auch als Interpretation von Donald Trumps Politik-Stil gelten. T.C. Boyle über die Gefahr, die Trump für die USA und die ganze Welt bedeutet.

Stand: 17.02.2017

 T.C.Boyle  2015 | Bild: picture-alliance/dpa Jörg Carstensen

"Wie es scheint, hat die Rechte die Macht übernommen und macht sich nun daran, in den kommenden vier Jahren alles zu zerstören, woran ich glaube: den Umweltschutz, ein öffentlich finanziertes Bildungssystem, die Frauenrechte, die multikulturelle Gesellschaft. Sie werden das wohl nicht schaffen. Trotzdem sieht es nicht gut aus. Allein in der Umweltpolitik werden sie uns ein einige 100 Jahre zurück werfen."

T.C.Boyle im Kulturjournal-Gespräch mit Niels Beintker.

Politik der Abschottung

Eine Mauer nach Mexiko: Das wollten die Kalifornier schon in dem 1995 erschienenen apokalyptischen Roman von T.C. Boyle "Tortilla Curtain", übersetzt "América". Mit Donald Trump wird diese Schreckensvision des US-amerikanischen Schriftstellers wahr. Trump will das Nordamerikanische Freihandelsabkommen neu aushandeln oder gar ganz aufkündigen und mit einer gigantischen Mauer an der Grenze zu Mexiko die illegale Einwanderung stoppen.

"Was bleibt und entwickelt sich dann innerhalb der Mauern? Unter anderem rassistische Vorurteile"

. T.C. Boyle im Gespräch mit Niels Beintker

T.C. Boyle ist ein Meister darin, die riskante Dynamik geschlossener Systeme zu erkennen und zu beschreiben. Ihm machen die Eingeschlossenen mehr Sorge als die Ausgeschlossenen. Denn sie verschließen sich ja nicht bloß vor Mexiko: Donald Trump hat gleich nach Amtsantritt per Dekret auch die Einreise aus sieben vorwiegend muslimischen Ländern verboten. Noch funktioniert das US-amerikanische Rechtssystem, Bundesrichter haben dieses Verbot inzwischen außer Kraft gesetzt, aber für die kommende Woche hat Trump ein neues Dekret angekündigt, gegen die kein US-Richter etwas ausrichten könne.

Engherzig statt frei - der neue Westen

Besonders beunruhigend aber ist, dass diese Politik der Abschottung überall um sich greift - Boyle nennt neben Großbritannien ausdrücklich Frankreich und Deutschland. Angesichts der globalen Erderwärmung und der begrenzten Ressourcen wird sich die Frage der Abschottung zuspitzen zu einer Entscheidung über unsere Humanität und Zivilisiertheit.

"Es gibt längst einen Krieg um die Ressourcen dieser Welt. Und wir – in den westlichen Gesellschaften – werden immer engherziger. Wir sagen: ‘Zur Hölle mit den anderen. Lasst sie sterben. Wir bauen Mauern und leben unser Leben.‘ Es wäre schrecklich, wenn das unsere Vorstellung vom Leben und von der Freiheit wäre."

T.C.Boyle im Kulturjournalgespräch mit Niels Beintker

American First - Die Rolle rückwärts

Betsy DeVos

Trumps America first-Programm setzt ganz auf fossile Brennstoffe - Öl und Kohle, was für die USA und weltweit Zerstörung der Umwelt, extremerer Klimawandel und eine Verschärfung des Kampfes um Ressourcen bedeutet. T.C. Boyle vermutet, dass Trumps Politik uns um 100 Jahre zurückwirft. Ob das unser Planet verträgt?

Und auch in Sachen Bildung sieht T.C. Boyle einen kaum zu behebenden Schaden drohen. Die neue Bildungsministerin Betsy DeVos setzt auf verstärkte Privatisierung der Schulen, eine strikt religiöse Ausrichtung des Bildungssystems und auf so wenig staatliche Einmischung wie möglich. In Michigan, wo die Multimilliardärin ihre Finger - oder besser ihr Geld - im Spiel hatte, gibt es schon ein Charter- Schulsystem das strikt gewinnorientiert arbeitet und in den vergangenen 10 Jahren zu einer extremen Schwächung der durchschnittlichen Rechen- und Leseleistungen geführt hat. Der Abzug von öffentlichen Geldern aus dem öffentlichen Schulsystem zugunsten von Privatschulen wird die Kinder der bildungsfernen Schichten noch weiter abhängen.

Die Arbeiterklasse wird die Zeche zahlen

"Die neue Bildungsministerin Betsy DeVos – eine rechte Ideologin, die nie eine staatliche Schule besucht hat – will künftig private Schulen mit öffentlichen Geldern ausstatten. Die soziale Exklusion der Arbeiterklasse wird rapide zunehmen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich stamme selbst aus der Arbeiterklasse. Ich repräsentiere im Grunde den amerikanischen Traum. Als erster aus unserer Familie überhaupt habe ich ein College besucht. Meine gesamte Ausbildung – die verschiedenen akademischen Grade – verdanke ich den staatlichen Hochschulen. Wir hatten gute Schulen. Diese Bildung ermöglicht soziale Mobilität. Und ebenso gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Entwicklung nun ist eine andere. Es geht darum, eine beständige Unterschicht zu kreieren und sie so zu manipulieren, dass ihre Angehörigen gegen ihre zentralen Interessen stimmen. Sie werden leiden. Lassen wir zwei oder auch vier Jahre vergehen: Sie werden keine Jobs haben und ihre Kinder bekommen keine Ausbildung. Dann aber ist es zu spät."

T.C. Boyle im Gespräch mit Niels Beintker.

Kulturjournal

"T. C. Boyle und der wilde Mann im Weißen Haus". Das ganze Gespräch von T.C. Boyle mit Niels Beintker hören Sie Sonntag, 19. Februar, 18:05 Uhr auf Bayern 2


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