Bayern 2 - Kulturjournal

Der Philosoph notiert Peter Sloterdijks "Zeilen und Tage"

Seine Buchveröffentlichungen legen theoretische Großentwürfe und pointierte Zeitdiagnosen vor. Nun veröffentlicht Peter Sloterdijk, der von sich sagt, er sei "Notizenmacher im Nebenberuf", einen Band mit Notaten aus der Philosophen-Werkstatt.

Stand: 22.10.2012
Peter Sloterdijk | Bild: picture-alliance/dpa

Paul Valéry ist für seine "Cahiers/Hefte" berühmt, Thomas Mann für seine intimen Aufzeichnungen berüchtigt, Martin Walser ist Tagebuchschreiber, Hannah Arendt prägte mit dem Titel "Denktagebuch" einen neuen Genrebegriff: Viele Intellektuelle halten in persönlichen Aufzeichnungen Anregungen fest, versichern sich ihrer Rolle in möglichen Debatten, ihrer Arbeit, ihrer privaten Person. Auch Peter Sloterdijk notiert seit vierzig Jahren morgens seine Gedanken in Hefte - ohne Veröffentlichungsabsicht, wie er sagt. Nun doch einen Band aus diesen Notizbüchern herauszugeben, dazu habe er erst überredet werden müssen.

Das Notizenschreiben als Bewusstseinsstrom

Und er griff nicht zu frühen Notizen - was als Beginn einer langen Reihe von Veröffentlichungen hätte verstanden werden können -, sondern zu den Heften 100 bis 111, gegenwartsnahen Aufzeichnungen vom Krisenjahr 2008 bis in den Frühsommer 2011. Gegenüber der klassischen Form des Tagebuchs hegt der Philosoph einen gewissen Vorbehalt, zeigten sich darin die Schreiber doch allzu oft im "sprachlichen Negligé". Wie seine Notizen stattdessen zu verstehen sind, das legt schon der Titel des umfangreichen Bandes nahe: "Zeilen und Tage". Was hier festgehalten wird, ist das Denken im Fortgang der Zeit, die Ordnung des Stoffes legen Chronologie und Autorschaft fest, nicht thematische Vorgaben. Im Gegenteil: Die Notiz ist für Sloterdijk gerade die Form, die ständige Neuanfänge eines Autors offenlegt; und insofern sei "Zeilen und Tage" eine Sammlung von Neuanfängen.

Versuch einer Genrebestimmung

"Hinsichtlich ihrer Gattungszugehörigkeit sind die folgenden Seiten nicht leicht zu klassifizieren. In formaler Sicht sind sie dem Genre der Cahiers verwandt, wie Paul Valéry sie praktizierte, sie meiden jedoch die nachträgliche Sortierung der Eintragungen nach Themengruppen, durch die Valérys Hefte bei all ihrem Glanz zuweilen den Charakter einer zeremoniellen und repetitiven Ideensammlung annehmen. Auch handelt es sich um keine Tagebücher im gewöhnlichen Sinn, geschweige denn um intime Journale oder carnets secrets. Ebensowenig treffen Begriffe wie 'Denk-Tagebuch' oder 'Arbeitsjournal' zu. Vielleicht kann man sich darauf einigen, sie als datierte Notizen zu betrachten - ein bisher wenig belegtes Genre. Daß in ihnen Valérys Idee der intellektuellen Komödie aufgenommen wird, ist nicht zu leugnen."
Aus der Vorbemerkung zu Peter Sloterdijk, "Zeilen und Tage", Suhrkamp Verlag 2012

Sloterdijk versteht sich als "resonanten Menschen", und er schätzt den Fund mehr als den Einfall. Und einer wie er findet viel, wenn er die politischen Zeitläufte beobachtet, Zeitung liest, fernsieht, im Internet unterwegs ist, Lektüren sortiert. In seinen Aufzeichnungen geht es um den "Unglückspräsidenten Wulff", um das "erste Sturm-Individuum", das 1859, wenn auch noch ohne Namen, beschrieben wurde, um Staatsschulden und Todesnachrichten, moderne Architektur, antike Mythen, "Perfidien aus den psychosexuellen Katakomben der katholischen Kirche", Religion und Recht, Gregor Samsa und Nicolas Sarkozy. Die Eintragungen sind mal aphoristisch kurz und nehmen mal die Form gestraffter Abhandlungen an, fast immer aber zeugen sie vom Sloterdijk'schen Sinn für Pointe und Zuspitzung, die für ihn wesentlich zum Geschäft der Literatur gehören.

"Was tun? Die Arbeit im Weinberg der Übertreibung fortführen."

Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage, Suhrkamp Verlag 2012

Die Peinlichkeit des Ich-Sagens

Im Vorspann von "Zeilen und Tage" heißt es, durchaus ein wenig kokett, der Schreiber habe die "Peinlichkeit des Ich-Sagens" bei Durchsicht und Auswahl der Notizen deutlich gespürt. Und tatsächlich benutzen seine Sätze nicht allzu häufig das bewusste Pronomen. Aber das müssen sie auch nicht, um das Bild ihres Autors entstehen zu lassen. Der Leser liest von Affekten der Misanthropie oder des Glücks, von der Seele und ihrer "Kompetenz als Erlebnisveredelungsanstalt", von Krankheit und dem "philosophisch empfindlichen Punkt" einer Vollnarkose. Und er begleitet den umtriebigen Philosophen auf Vortragsreisen nach Tübingen, Neapel oder Boston, sieht ihn Preise entgegennehmen, in Hotels und Restaurants sitzen, Einladungen bei Königin Beatrix und im Schloss Bellevue absolvieren. Wer solches zu berichten hat, braucht nicht allzu ausdrücklich in der ersten Person Singular zu schreiben.

"Babylon": Der Philosoph als Librettist

"Zeilen und Tage" zeigt Peter Sloterdijk als einen Intellektuellen, der immer unterwegs ist, von Ort zu Ort und Projekt zu Projekt. Auch eine ganz neue Rolle nimmt er an: als Verfasser eines Operntextes.

In diesen Tagen wird das Werk an der Bayerischen Staatsoper aufgeführt, Jörg Widmanns Oper "Babylon" - nach einem Libretto von Peter Sloterdijk. Dass er eine Neigung zu einer solchen Betätigung haben könnte, war Sloterdijk, wie er sagt, selbst nicht bekannt. Doch er war der Wunschkandidat des Komponisten, die Bayerische Staatsoper schloss sich diesem Wunsch an - und Widmanns "Entflammbarkeit", wie Sloterdijk es ausdrückt, hat den zunächst unfreiwilligen Librettisten schließlich mitgerissen. Und auch in der Arbeit an einer Oper steckt bei Peter Sloterdijk eine Portion Medienkritik: Gerade im Zeitalter der überstarken Mediatisierung aller Verhältnisse sei das Beste, so der Philosoph, nur in realer Präsenz zu erleben. In Echtzeit, in realer Gegenwart. Auf einer Opernbühne zum Beispiel.

Knut Cordsen hat Peter Sloterdijk zum Gespräch über sein neues Buch, die Notiz als Genre und die manierierte Gattung Oper getroffen. Zu hören ist es im Kulturjournal am Sonntag, 28. Oktober 2012, ab 18.05 Uhr auf Bayern 2.


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