Blick über das Olympiagelände im Osten Londons ...
Olympia und das Gemeinwohl "Citizens first" im Londoner Osten?
London vor den Olympischen Spielen: Es wird gebaut. Mit der Entscheidung, das Olympiagelände im armen East End zu platzieren, hat die Stadt ein Signal gesetzt. Die Investitionen verändern das Viertel über das Sportspektakel hinaus.
Wenn ein sportliches Großereignis zu vergeben ist, machen sich Bürgermeister für die Sache stark, Geschäftsleute und Hoteliers freuen sich auf Aufträge im Vorfeld und Umsätze während der Veranstaltung. Bei den Bürgern allerdings stoßen solche Unternehmungen zunehmend auf Skepsis. Und das ist nicht einfach ein innovationsfeindlicher Reflex: Die Erfahrung etwa aus Olympiastädten wie Athen, Vancouver oder Peking zeigt, dass die Großbauten oft nicht mehr richtig genutzt werden können, wenn der Sportzirkus weitergezogen ist.
Neue Kompromisslinien
Zweckmäßigkeit und architektonische Wirkung, vollkommen ausgerichtet auf die gut zwei Wochen der Spiele, Kompromisse dagegen bei der Nachnutzung: Diesem Muster will man in London, soweit es geht, nicht folgen. Bereits in der Planung wurde nach dem Motto "so haltbar wie möglich" verfahren.
Ein Beispiel dafür ist die Olympia-Schwimmhalle: Das renommierte Architektenbüro von Zaha Hadid hat den Bau in Ästhetik und Funktion für die Zeit nach den Spielen optimiert. An den Mittelteil unter elegant geschwungenem Dach werden, um die 17.500 Zuschauerplätze für die Wettkämpfe zur Verfügung zu stellen, Tribünen aus Stahlrohr angesetzt - und später wieder abgenommen. Das sieht nicht wirklich gut aus. Man lebt also bewusst damit, den Bau für den Ausnahmezustand Olympia gezielt zu "verschandeln", um eine langfristig sinnvolle und ästhetisch überzeugende Lösung zu finden: Die Schwimmhalle soll später zu einem öffentlichen Hallenbad werden.
"Im Bauprozess wurde entschieden, dass die temporären Strukturen so reduziert, so rationalisiert wie möglich gebaut werden sollten zugunsten des permanenten Gebäudes."
Sara Klomps von Zaha Hadid Architects im Beitrag von Achim Nuhr
Große Pläne für ein Stadtgebiet
Manche Olympia-Gebäude wie das Basketballstadion wurden von vornherein auf Zeit geplant: Nach den Wettkämpfen wird der Zeltbau aus Gerüsten und Plane wieder abgerissen, um Platz für eine neue Bebauung des Viertels mit einem Hospital, Schulen und Wohnungen zu schaffen. Darunter sollen auch bezahlbare sein. Was genau das allerdings heißt und ob nicht die neue Aufmerksamkeit der Investoren eher für hohe Preise sorgen wird, das sind noch eine offene Fragen.
Für die Zeit während der Spiele schnellten die Mieten jedenfalls erst einmal in die Höhe - auf bis zu 60.000 Pfund pro Woche für ein Haus in Hackney zum Beispiel, jenem Stadtteil, der noch vor einem Jahr zu den Schauplätzen von sozialen Unruhen und Plünderungen gehörte. Auch wenn dieses rekordverdächtige Preisniveau wohl keinen Bestand haben wird, verändern die Spiele den Osten der Londoner Innenstadt deutlich. In der Nähe des Olympiaparks entstehen neue Malls, darunter das Westfield Shopping Centre im angrenzenden Stratford, das das größte Einkaufszentrum der Welt sein soll. Und so wie überall, wenn ehemalige Arbeiterviertel zuerst die Kreativen und dann das Geld anziehen, könnte es auch hier so sein, dass nicht hauptsächlich die Wohnbevölkerung von den Veränderungen profitiert.
Olympia und das Künstlerviertel
Die Gegend um das Olympiagelände ist und war auch ein Viertel für Künstler: Sie nutzten die alten Fabriken als Ateliers, Werkstätten oder für Theaterprojekte. Dieses Umfeld wollten die Olympiaplaner eigentlich für einen Kulturbeitrag zum Großprojekt gewinnen. Bereits weit im Voraus, im Sommer 2008, stellten die Künstler des Viertels jedoch ein eigenes Festival auf die Beine, "Hackney Wicked" genannt. Seither wurde es jährlich organisiert und zum Anziehungspunkt für die unabhängige Kunstszene - in diesem Jahr allerdings machten Verwaltung und Polizei so viele Auflagen, dass es nicht wie üblich stattfinden kann.
on3-Thema
Die Unberechenbarkeit von Graswurzelinitiativen und Straßenkunst lässt sich nur schwer für Imagekampagnen nutzen. Das erfuhr auch einer der Hauptsponsoren der Spiele: Die Bewohner von Hackney konnten beobachten, wie Sprayer eine ganze Hauswand mit Figuren von Sportlern gestalteten - Läufern oder Bogenschützen zum Beispiel. Wer sich zunächst darüber gefreut hatte, das eine solche freie Aktion unterstützt wird, wurde bei Vollendung des Bildes eines Besseren belehrt: Am Ende prangte groß das Firmenlogo von Coca Cola auf der Wand. Die Street Art so von Geschäftsinteressen korrumpiert zu sehen, das konnte die Szene nicht auf sich sitzen lassen. Ihre Antwort war eine facebook-Kampagne, Coca Cola musste einsehen, dass das eigene Image durch die Aktion eher zu leiden hatte als gefördert wurde - und ließ das Bild grau übermalen. Es ist der alte Konflikt zwischen Kunst und Kommerz, Kreativität und Macht, der hier ausgetragen wird. Wie das Großprojekt Olympia das empfindliche Verhältnis für London neu ordnet, bleibt abzuwarten.
Für das Kulturjournal berichtet Achim Nuhr über die Olympia-Architektur in London und die Veränderungen im Stadtviertel um das Olympiagelände: Sonntag, 22. Juli 2012, ab 18.05 Uhr auf Bayern 2.

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