Bayern 2 - Kulturjournal

Jenseits der Sicherheit Über das Leben im Ungewissen

Das Literaturfest München möchte das Jenseits der Sicherheiten erkunden - im Möglichkeitssinn des Erzählens, in Nachtgedanken oder offenen Debatten zwischen Wissenschaften und Kunst. Auch das Kulturjournal widmet sich dem Thema.

Stand: 21.11.2012
Sicherheitskontrolle am Flughafen Berlin Tegel | Bild: picture-alliance/ZB

Es ist ein Paradox: Wir, die Bürger der Länder des Westens, leben im historischen und kulturellen Vergleich so sicher wie nie. Zugleich aber sind Sicherheitsthemen allgegenwärtig - in öffentlichen Debatten wie im Täglichen und Alltäglichen. Man trägt Fahrradhelm, betreibt Prophylaxe, geht regelmäßig zur Vorsorge, achtet darauf, sich gesund zu ernähren.

Wodurch sind wir eigentlich bedroht?

Das Vertrackte ist: Im Detail ist das alles nicht unvernünftig, als Lebenshaltung jedoch kann die Fixierung auf Sicherheit zum Problem werden. Wir seien eine Gesellschaft, so Rüdiger Safranski während einer Podiumsdiskussion auf dem Literaturfest München, die schon fast unter einer "Vorsorgepflicht" stehe - und virtuos darin, das, was besorgniserregend sei, schon möglichst lange vorher auszukosten. "Die Vorsorge ist die kleine Anwesenheit des Todes", so formulierte der Philosoph. Todesvergessen jedenfalls, wie so oft unterstellt wird, wären wir demnach keineswegs. Und was rät Safranski? Abzurüsten bei der Sicherheitserwartung statt aufzurüsten bei den Vorkehrungen und Maßnahmen für mehr Sicherheit.

Den Blick in Sachen Sicherheit auf die Themen zu richten, um die es wirklich gehen müsste, das forderte der Sozialpsychologe Harald Welzer. Unsere Gesellschaft neige zu Verschiebungen, so Welzers Diagnose, denen auch der Sicherheitsdiskurs unterliegt. Griffiges gewinnt daher in der Wahrnehmung häufig übermäßige Bedeutung, Komplexes bleibt unterrepräsentiert. Fragen, die schwer greifbar sind, den sozialen Frieden einer Gesellschaft aber tatsächlich bedrohen, wie etwa der Umverteilungsprozess zwischen öffentlichen und privaten Vermögen, werden daher eher selten unter Sicherheitsaspekten diskutiert.

Politische Vernunft, Risiko und Gefahr

Die große Politik allerdings hat gegenwärtig genug Felder zu beackern, die sich für das Vokabular des Alarms eignen: Klimawandel, Finanzkrise, Terrorismus zum Beispiel. All das betrifft den ganzen Planeten - und könnte existenziell werden, wenn auch für die einen mehr und für die anderen weniger. Dass zwischen Gefahr und Risiko zu unterscheiden ist, darauf wies Peter Sloterdijk hin. Risiken seien mathematisch beschreibbare Wahrscheinlichkeiten des Scheiterns, Gefahren dagegen die "Konfrontation mit einem potenziellen Todbringer in realer Gegenwart", Bedrohungen für Leib und Leben, die wir in psychologisch-lebensweltlicher Sprache formulieren. Politisches Handeln muss immer mit Risiken kalkulieren, und leben lässt sich weder ohne Risiko noch ohne Gefahr. Ungewissheiten aushalten also.

"Hinaus ins Ungewisse!", so lautet das Motto, das Kuratorin Thea Dorn für die Veranstaltungsreihe "forum:autoren" auf dem Münchner Literaturfest ausgegeben hat. David von Westphalen nimmt es zum Anlass für einige Überlegungen zum Thema. Zu hören ist sein Beitrag am Sonntag, 25. November 2012 ab 18.05 Uhr auf Bayern 2.


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