Bayern 2 - Kulturjournal

Populäre Insektenkunde Die fabrehafte Welt des Insektenforschers

Eine entführte Mörtelbiene findet zurück zu ihrem Stock - woher kommt das topografische Gedächtnis? Die Grabwespe präpariert ihre Beute so, dass sie ihren Nachkommen noch ein Schmaus ist. Mitreißend erzählt der Naturhistoriker Fabre über die stupende Intelligenz von Insekten.

Stand: 10.09.2012
Insektenforscher Jean-Henri Fabre (1823-1915) bei der Arbeit | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn eine Graswespe Spinnen oder Rüsselkäfer fängt, tötet sie sie nicht. Hat sie gerade Eier gelegt, lähmt sie ihre Opfer lediglich mit einem gezielten Biss, so dass sie nicht weglaufen können, und legt sie neben die Eier. So haben die Larven, wenn sie geschlüpft sind, auch nach ihrem Tod frisches Fleisch zur Verfügung. Woher "weiß" die Wespe, wo das entscheidende Nervenzentrum ihrer Opfer sitzt?

Für den passionierten Naturwissenschaftler Fabre bedeutet dieses Verhalten eine "glänzende Bestätigung einer präetablierten Ordnung der Dinge". Mit einem großen Respekt vor der Schöpfung hat er das faszinierende Verhalten der Graswespe auf seinem südfranzösischen Landsitz genauestens beobachtet und im ersten Band seiner Erinnerungen minutiös beschrieben. Marcel Proust war davon so angetan, dass er im ersten Teil der "Suche nach der verlorenen Zeit" seine Haushälterin Francoise nach dem Muster dieser von Fabre beschriebenen Wespe charakterisierte.

Schönheit und Schrecken der Krabbeltiere

Rund 30 Baumwanzeneiner

"Die leeren Schalen sind an Ort und Stelle geblieben, ohne jede Deformation, außer der Hebung ihres Deckels. Oh! die köstliche Sammlung kleiner Töpfchen aus durchscheinendem, kaum hellgrau umwölktem Alabaster! Ich wünschte mir ein Märchen, in dem die Feen in der Welt des sehr Kleinen aus solchen Tassen ihren Lindenblütentee trinken würden." So der begeisterte Fabre über Baumwanzeneier, aus denen gerade Larven geschlüpft sind.

Fabre legt solche Übertragungen auf menschliches Verhalten nahe, weil er selbst die Insektenwelt mit moralischen und ästhetischen Kategorien bedenkt. Er delektiert sich zum Beispiel wortreich an der ungeheuren Schönheit von zufällig entdeckten Baumwanzeneiern und verabscheut detailliert das legendäre Verhalten der Gottesanbeterin, die während der Kopulation ihre Männchen enthauptet und dann verspeist.

Dem lebendigen Wesen auf der Spur

Labor für Insektenforschung

"Wann gibt es endlich ein Labor für Insektenforschung, ein Labor, das sich mit dem Instinkt befasst, mit dem Verhalten, der Lebensweise, der Arbeit, den Kämpfen und mit der Propagierung dieser kleinen Welt, mit der die Landwirtschaft und die Philosophie sehr ernsthaft zu rechnen haben?" , fragt Fabre rhetorisch; er schafft es sich in der Vaucluse und berichtet davon in seinen Erinnerungen.

Manch einer meinte, Jean-Henri Fabre solle für seine "Erinnerungen eines Insektenforschers" den Nobelpreis für Literatur bekommen. Das zehnbändige Werk begeisterte schon Marcel Proust, Victor Hugo, Maurice Maeterlinck, Guillaume Apollinaire und André Gide inspirierte. Außergewöhnlich an Fabres Werk ist, dass hier ein Entomologe lebendige Insekten beobachtete und liebevoll beschrieb, nicht aber - wie sonst bis dato üblich - die aufgespießten toten Exemplare ins Visier nahm.

Erinnerungen eines Insektenforschers in 10 Bänden

Zwischen 1879 und 1907 schrieb der südfranzösische Insektenforscher Jean-Henri Fabre in zehn Bänden seine Erinnerungen und Erkenntnisse auf. Die "Souvenirs entomologiques" inspirierten Proust und viele andere große Geister seiner Zeit. Bis 2015, zum 100. Todestag Fabres, will der Berliner Verlag Matthes und Seitz diese Erinnerungen erstmals auf Deutsch in voller Länge herausgeben.

Friedrich Koch, selbst bestens mit der Welt der kleinen Käfer und Krabbler vertraut, übersetzt sie, Christian Thanhäuser illustriert die Bände. Fünf von ihnen sind bereits erschienen.

Kirsten Martins hat Friedrich Koch, den Übersetzer von Jean-Henri Fabres "Erinnerungen eines Insektenforschers", besucht. Sie hören ihren Beitrag im Kulturjournal, 16. September 2012, 18.05 Uhr auf Bayern 2.


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