Bayern 2 - Kulturjournal

Kleist lebt Zum 200. Todestag

34 Jahre alt war Heinrich von Kleist, als er am 21. November 1811 zuerst seine Gefährtin Henriette Vogel und dann sich selbst tötete. Und dieser Dichter erregt nach wie vor die Gemüter, wie die Biografien, Hörbücher und Bühnen im Kleistjahr zeigen.

Stand: 28.10.2011
Heinrich von Kleist | Bild: picture-alliance/dpa

"Viel verdickte schwarze Galle" konstatierten die Berliner Ärzte Dr. Sternemann und Greif nach der Obduktion und erklärten auch gleich, woher das komme: von Kleists "exzentrischen Gemütszustand" und seiner "Religionsschwärmerei".

Im Schatten des Suizids

Der spektakuläre Tod überschattete lange die Rezeptionsgeschichte des Dichters, sein Leben und Werk wurde meist von seinem Ende her gedeutet, als eine nicht abreißende Kette von Enttäuschungen und Krisen, die konsequent zu diesem schrecklichen Ende geführt hätten: Angefangen vom frühen Tod des Vaters - da war Heinrich elf - , der die alte Adelsfamilie in finanzielle Schwierigkeiten brachte, über den Militärdienst, den Kleist quittierte und der ihm eine standesgemäße Zukunft gesichert hätte, sein abgebrochenes Studium, seine gelöste Verlobung mit der Generalstochter Wilhelmine von Zenge, seine abgebrochene Beamtenlaufbahn, bis hin zu seinen Misserfolgen als Dichter und Herausgeber der Berliner Abendblätter.

Kleist lebt

Günter Blamberger, Professor für Literaturwissenschaft in Köln und seit Jahren Präsident der Kleist-Gesellschaft, lässt den Dichter in seiner umfassenden Biografie nun in einem neuen, einem modernen Licht erscheinen. Und damit trifft er den Nerv der neuen Kleist-Aufführungen im gegenwärtigen Kleistjahr und der alten Kleistfans und Mimen wie Rolf Boysen.

Ein Kultur-Journal zum 200. Todestag: Sonntag, 30. Oktober 2011, 18:05 Uhr

Romantiker trotz allem, und modern
Niels Beintker im Gespräch mit dem Kleist-Biographen Günter Blamberger

Kleist. Ein Vorfall in Preußen
Essay von Uwe Kolbe

Warum Würzburg?
Bernd Noack über Kleists geheimnisvollste Reise

Diese Macht, diese Wucht
Der Schauspieler Rolf Boysen über seine Liebe zu Kleist
Von Andrea Brüdern

Modernes Theater
Der Berliner Intendant und Regisseur Armin Petras über seinen jüngsten Dramatiker
Von Christoph Leibold

Diese Sprache, meine Mund-art
Die Schriftstellerin Dagmar Leupold über den Nachruhm eines preußischen Rebellen

Rolf Boysen liest Kleist -Anekdoten

Redaktion und Moderation: Dieter Heß

Lauter Lebenspläne - der Projektemacher

Lebensplan - Reiseplan

 "Ein Reisender, der das Ziel seiner Reise und den Weg zu seinem Ziele kennt, hat einen Reiseplan. Was der Reiseplan dem Reisenden ist, ist der Lebensplan dem Menschen. ... Ja, es ist mir so unbegreiflich, wie ein Mensch ohne Lebensplan leben könne, und der Zustand, ohne Lebensplan, ohne feste Bestimmung, immer schwankend zwischen unsichern Wünschen, immer im Widerspruch mit meinen Pflichten, ein Spiel des Zufalls, eine Puppe am Drahte des Schicksaals - dieser unwürdige Zustand erscheint mir so verächtlich, und würde mich so unglücklich machen, dass mir der Tod bei weitem wünschenswerther wäre", schreibt Kleist im Mai 1799 an seine Halbschwester Ulrike. Doch bald darauf macht Kleist aus dieser Not des "unwürdigen Zustand" eine Tugend und wird ein Meister im Kristenmanagement.

Günter Blamberger verweigert die übliche teleologische Deutung des Dichters vom Ende her und setzt ihr in seiner großangelegten Biografie einen Kleist entgegen, der sich und sein Leben unter dem Druck seiner Zeit und Umstände kreativ und passioniert immer wieder von neuem erfand. Blamberger macht Kleist stark als einen zwar melancholischen, aber unermüdlichen "Projektemacher", der jede Krise experimentell angeht, immer neue Pläne schmiedet und mit der Zeit die Logik des situativen Handelns begreift: dass Wissen erst im Handeln generiert wird und zumeist nicht das Handeln leitet. Kontrollverlust ist die Grunderfahrung dieses Dichters, und Blamberger zeichnet spannend nach, wie Kleist sich unausgesetzt bemüht, die Fäden wieder in die Hand zu bekommen - mit offenem Ausgang.

Brautwerbung mit Rousseau

Mit diesem neuen Ansatz bringt Blamberger einen wunderbar entstaubten, modernen Kleist zu Tage, sowohl was Leben, als auch was sein Werk betrifft. Am Augenfälligsten ist seine Innovation in der Deutung seiner Verlobung mit Wilhelmine von Zenge. Nicht nur Feministinnen, sondern den meisten Kleistforschern ist bitter aufgestoßen, wie hart und oberlehrerhaft der 23-jährige Dichter in seinen Briefen mit seiner Verlobten umgesprungen ist. Kleist hat sie nicht nur betulich unterrichtet über die ehelichen Pflichten der Ehefrau, "das Glück des Mannes" zu gewährleisten, sondern sie mit Pathos bekniet: "O lege den Gedanken wie einen diamantenen Schild um Deine Brust: ich bin zu einer Mutter gebohren! Jeder andere Gedanke, jeder andere Wunsch fahre zurück von diesem undurchdringlichen Harnisch. Was könnte Dir sonst die Erde für ein Ziel bieten, das nicht verachtungswürdig wäre?" Blamberger führt diesen Überschwang auf Kleists literarische Vorläufer zurück: Weder die traditionelle Etikette der Adligen, noch die neue bürgerliche Moral taugten Kleist für seine Brautwerbung, und daher orientierte er sich - wie Blamberger luzide nachweist - an literarischen Mustern: in erster Linie an Rousseaus "Emile", aber auch an Wielands "Sympathien".