Bayern 2 - Kulturjournal

Aus dem Bleistiftgebiet Verschwindet die Handschrift?

Ein ausdrückliches "Plädoyer für ein bedrohtes Kulturgut" gab die Bayerische Akademie der Schönen Künste jüngst mit einer Veranstaltung zur Handschrift ab. Und stellte die Grundsatzfrage, was wir verlieren, wenn wir das Schreiben mit der Hand vernachlässigen.

Stand: 25.09.2012

Gesetzt, gedruckt oder getippt wird alles Offizielle, mit der Hand schreibt man Briefe, Tagebucheinträge oder persönliche Notizen. So war es jedenfalls über viele Jahrhunderte. Doch im Zeitalter der Netzkommunikation kommen viele auch für privateste Zwecke mit Buchstabentasten aus. Verlernen wir, mit der Hand zu schreiben? Und wenn ja: Was bedeutet das für unsere Schriftkultur? Zu diesen Fragen lud die Bayerische Akademie der Künste am 20. September zu einem Abend ein. Zu Gast waren unter anderem die Schriftsteller Gert Heidenreich, Sibylle Lewitscharoff und Rafik Schami, die Münchner Pädagogin und Autorin Ute Andresen und Jochen Mayer, ehemaliger Leiter der Handschriftenabteilung im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Klöster, Schreibstuben und Druckerwerkstätten

Die Handschrift war keineswegs zu allen Zeiten ein ganz persönliches Ausdrucksmittel. Im Mittelalter wurden Texte zunächst in Klöstern nach klaren Mustern niedergeschrieben, später kamen erwerbsmäßig betriebene Schreibstuben hinzu. Neben den Schreibern waren Buchmaler an der Gestaltung beteiligt, die das Geschriebene durch Initialen gliederten und Illustrationen beisteuerten. Das Schriftbild selbst sieht für heutige Augen - und für die Augen des Laien - nicht selten aus "wie gedruckt": gleichmäßige Buchstaben, klare Aufteilung in Spalten oder Blöcke.

In der Geschichte der Textverarbeitung wurde die Rolle der Handschrift schon einmal von einer Medienrevolution neu definiert: Nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg verloren handgeschriebene Bücher ab etwa 1480 ihre zentrale Bedeutung. Die ehemaligen Schreiber entwickelten, um nicht überflüssig zu werden, eine verbundene und geschmückte Schreibschrift, die vom Druck nicht nachgeahmt werden konnte. Später, im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, verdrängten die "Bürofräulein" die Schreiber aus den Kanzleien. Und die Konkurrenz der Schriftformen wertete die Handschrift neu auf: Gegenüber dem Gedruckten in seiner technischen Reproduzierbarkeit behielt das Handgeschriebene seine individuelle Aura: Handgeschriebenes ist immer ein Original.

Schreiben üben

Flüssige Schreibschrift muss man üben. In den Schulen wird genau das aber nicht mehr systematisch praktiziert. Nun plädiert der deutsche Grundschulverband für die Einführung der Grundschrift: Die Kinder würden dann Druckbuchstaben lernen, aus denen sie, ohne zu einer verbundenen Schreibschrift angeleitet zu werden, ihre individuelle Handschrift entwickeln sollen. Und spätestens ab der Pubertät brauchen die Besitzer von digitalen Apparaten kaum noch mit der Hand zu schreiben. Ist das ein Kulturverlust?

Sibylle Lewitscharoff

Ja, sagt die Autorin Sibylle Lewitscharoff. Wenn das Tastatursystem auf das Schreiben an sich überspringe, sei das eine Katastrophe, so Lewitscharoff auf der Veranstaltung in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zum Thema. Zusammen mit ihr auf dem Podium saß der Schriftsteller Rafik Schami, und ebenso wie sie konnte er davon berichten, wie er sich mit der eigenen Handschrift fremde Texte buchstäblich angeeignet hat: Ganze Romane habe er in billige Heftchen abgeschrieben, um sich die deutsche Literatur intensiver einzuprägen als durch bloße Lektüre. Und Sibylle Lewitscharoff erzählte aus Studienzeiten: Weil das Kopieren kompliziert war, füllte sie Leitzordner um Leitzordner mit Abgeschriebenem.

Schüler und Schriftsteller

Aus einem Brief von Franz Kafka an seine Schwester Ottla

Allerdings sind auch Literaten nicht notwendig hingebungsvolle Handschreiber: Kafka, berühmt für seine schöne Schrift, schätzte die Schreibmaschine durchaus, und Tucholsky nutzte sie selbst für Liebesbriefe. Umgekehrt wird wohl nicht jeder, der sich als Schüler in Schönschrift üben muss, eine besondere Einfühlung in den Fluss des Geschriebenen entwickeln. Dass Computerabstinenz in der frühen Kindheit dennoch sinnvoll und die Praxis des Schreibens mit der Hand für die kindliche Entwicklung bedeutsam ist, steht auf einem anderen Blatt. Den Schluss auf einen Kulturverfall insgesamt muss man aus dem Bedeutungsverlust der Handschrift jedenfalls nicht unbedingt ziehen.

"Verschwindet die Handschrift?"

Eine Bestandsaufnahme von Ute Mings
Kulturjournal am Sonntag, 30. September 2012, 18.05 Uhr, Bayern 2 


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