Bayern 2 - Kulturjournal

Disneyland im Osten DDR-Alltagskultur in Eisenhüttenstadt

An Disneyland fühlte sich Tom Hanks erinnert, als er einen Abstecher von Potsdam Babelsberg nach "Iron Hut City" machte. Eisenhüttenstadt, früher "Stalinstadt", ist eine sozialistische Modellstadt vom Reißbrett und der ideale Ort für die Dokumentation des DDR-Alltags. Die aber steht jetzt vor dem Aus.

Stand: 16.11.2012
Dokumentationszentrum DDR-Alltagskultur | Bild: picture-alliance/dpa

1950 wurde Stalinstadt als "erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden" nach den 16 Grundsätzen des Städtebaus entworfen. Das Zentrum dieser Vorzeigestadt, die erst im Zuge der Entstalinisierung in "Eisenhüttenstadt" umgetauft wurde, war die EKO: das "Eisenhüttenkombinat Ost", wo die DDR ab 1950 im großen Stil ihre Stahlproduktion ankurbelte.

Hier ließ sich leben: Grünanlage mit Schwimmbecken in Eisenhüttenstadt 1965

Die ArbeiterInnen und ihre Familien wurden in modernen Wohnblocks mit Balkonen untergebracht, es gab ein Theater, die Großgaststätte "Aktivist" und großzügige Grünflächen für Sport und Freizeit. Für die ganz Kleinen wurden repräsentative Kindertagesstätten gebaut und in einer dieser Kitas zog nach der Wende das Dokumentationszentrum Alltagskultur ein.

Das materielle Gedächtnis der DDR

Werbeplakat aus der DDR in der Ausstellung: "Alles aus Plaste"

"Das Jahr 1953", "abc des Ostens", "Tempolinsen und P2", "Urlaub und Freizeit in der DDR" "Aufgehobene Dinge" ... : Seit 1993 zeigt dieses "Dok-Zentrum", wie der Volksmund das Museum nennt, Ausstellungen, die das materielle Gedächtnis der DDR wachhalten sollen. Und zwar ohne alle Ostalgie, wie Andreas Ludwig, Gründungsdirektor der Museums, betont. Seit 19 Jahren sammelt, archiviert und kommentiert der Historiker mit seinem Team engagiert die Spuren des DDR-Alltags und bringt - zumindest für Westler - erstaunliche Dinge zu Tage. Etwa mit der jüngsten Ausstellung "Alles aus Plaste. Versprechen und Gebrauch in der DDR". Da wird klar: Auch die sozialistische Republik hat in ihren Anfängen Werbung groß geschrieben, in der Bauhaus-Tradition Wert auf gutes und funktionelles Design gelegt und den Konsum gepriesen. "Gut gekauft, gern gekauft", lautete das Motto.

Auf Parteitagsbeschluss produzieren

Die SED, nicht ein freier Markt, bestimmte über die Produktionsmittel und die Produkte: Auf Beschluss des 5. Parteitags im Jahr 1958 wurde die Chemieindustrie als neuer Volksernährer gefeiert: "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit". Als die Partei einen neuen Produktionsschwerpunkt setzte, hatten die Chemiewerke in Leuna das Nachsehen.

Die BRD-Konkurrenz überholen

"Das muss man sich einfach mal vorstellen, dass ein Parteitag der SED beschließt, dass man die Bundesrepublik in Konsumgüterproduktion überholen will, und in der Folge das richtig runtertransformiert wird auf die ganz basale Ebene: Es werden neue Fabriken gebaut, in der Burg Giebichenstein werden 200 Gebrauchtgegenstände von Designern entwickelt und sofort in die Produktion geschickt, ein richtiges Programm. Die müssen aber erst mal ausgebildet werden, das wird gleich mitgemacht, also industrielle Formgestaltung ist etwas, was damals auch mit entsteht über diesen Kunststoff."
Museumsleiter Andreas Ludwig über die nach dem 5. Parteitag massiv angekurbelte Plastik-Produktion der DDR.

Katrin Hillgruber hat für das Kulturjournal das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR besucht. Sie hören ihren Beitrag Sonntag, 18. November 2012, 18.05 Uhr auf Bayern 2.

Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Gefahr

Nach der Öffnung der Mauer sammelten sich ganze Haufen von Hausrat vor den Häusern der DDR. Das hat den an der TU Berlin promovierten Historiker Andreas Ludwig alarmiert und auf die Idee gebracht, gegen das Verschwinden dieses "ganzen Alltagskrams" vorzugehen. Das schließlich 1993 in Eisenhüttenstadt eröffnete Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR hat mit vielen Ausstellungen dazu beigetragen, dass die Dinge, die den DDR-Alltag prägten und gestalteten im Gedächtnis bleiben. Doch nun steht die Finanzierung des Hauses auf der Kippe: Wegen großer Finanznöte will Eisenhüttenstadt den jährlichen Zuschuss von 76.000 Euro streichen. Die aktuelle Plaste-Ausstellung soll weiter laufen, aber der Museumsbetrieb wird mit dem stark abgespeckten Etat nicht aufrecht erhalten werden können.

"Hoffentlich springt der Bund über seinen Schatten und übernimmt die Finanzierung. Denn ein Aus für diese singuläre Einrichtung wäre nicht nur ein herber Schlag für Eisenhüttenstatt, sondern ein dramatischer Verlust für die gesamtdeutsche Erinnerungskultur." findet Katrin Hillgruber.


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