Nominiert für den Oscar "In Darkness" von Agnieszka Holland
Während der deutschen Besatzung gelingt es einer Gruppe von Juden aus dem Lemberger Ghetto, sich in der Kanalisation zu verstecken. Ihre dramatische Geschichte, die buchstäblich ins Dunkel führt, erzählt der neue Film der polnischen Regisseurin.
Agnieszka Holland wurde in Deutschland vor mehr als 20 Jahren mit einem Film über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust bekannt: "Hitlerjunge Salomon". Er hat einen jungen Juden polnischer Abstammung zum Helden, der sich als deutscher Volksgenosse ausgibt, um zu überleben. Mit ihrem neuen Film macht Holland erneut die Judenverfolgung und den Überlebenswillen des Menschen unter extremen Bedingungen zum Thema.
Herr über Leben und Tod
Der Arbeiter Leopold Socha versteckt die Juden im Kanalsystem von Lemberg - und erklärt sich bereit, sie nicht zu verraten und sie mit Nahrung zu versorgen, wenn sie ihn dafür bezahlen. Über 14 lange Monate bis zur Befreiung Lembergs harren die Eingeschlossenen aus, ob sie gerettet werden, bleibt die ganze Zeit über dramatisch ungewiss. Leopold Socha ist die Hauptfigur des Films, ein strahlender Held ist er nicht. Er taktiert zunächst, ist nicht leicht zu durchschauen, seine Handlungsweise ist eher reflexartig als überlegt. Dennoch hilft er, und das Überleben der Untergetauchten hängt allein von ihm ab. Diese existenzielle Zuspitzung wird auch für den Zuschauer erfahrbar. Und das ist durchaus im Sinne der Regisseurin.
"Mir ging es hauptsächlich darum, die emotionale Fantasie der heutigen Zuschauer zu wecken, zu erreichen, dass sie das, was mittlerweile fast schon zu einem Kitsch verkommen ist - es gibt ja eine solche Kategorie unter den Holocaust-Filmen - wirklich erleben, dass sie die Erfahrung der Figuren als ihre eigene Erfahrung empfinden."
Agnieszka Holland im Kulturjournal-Beitrag von Marta Kijowska
Leben im Versteck unter der Stadt
Der Film von Agnieszka Holland geht auf den Roman "In the Sewers of Lvov" des Londoner Autors Robert Marshal zurück. Außerdem konnte sich die Arbeit auf die Erinnerungen von Krystyna Chiger stützen, der letzten Überlebenden der Gruppe. Als kleines Mädchen war sie unter den Versteckten und hat ein eigenes Buch über ihre Erlebnisse geschrieben. Darin wird deutlich, dass auch unter so ungeheuerlichen Umständen wie dem Leben in der Ghetto-Kanalisation Wahrnehmungen und Empfindungen ganz subjektiv sind: Chiger sagte gegenüber Agnieszka Holland, die Zeit unter der Erde sei für sie der schönste Teil der Okkupation gewesen. Anders als vorher, als sie bei jedem Geräusch den Atem anhalten und sich in Kachelöfen und Schränken verstecken mussten, waren die Kinder nun immer mit ihren Eltern zusammen und fühlten sich sicherer. "Sie konnten mit den Ratten spielen und hatten unter ihnen sogar einige Freunde", berichtet die Regisseurin. Und sie seien auf bestimmte Weise durchaus glücklich gewesen.
Filmarbeit im Dunkel und Oscar-Hoffnungen
Der Film war nicht nur wegen seines Inhalts eine Herausforderung für Holland und ihr Team. Die Dreharbeiten fanden unter schwierigen Bedingungen statt, zum großen Teil in der Kanalisation, die entstandenen Bilder aus Kälte und Finsternis sind beklemmend. "In Darkness" ist eine polnisch-deutsche Koproduktion. Unter den Schauspielern sind neben Hauptdarsteller Robert Wieckiewicz auch Benno Fürmann, Herbert Knaup und Maria Schrader. Wie "Hitlerjunge Salomon" ist auch "In Darkness" für den Oscar nominiert, diesmal in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film". Am 26. Februar werden im Kodak Theatre in Los Angeles die begehrten Trophäen verliehen - und vielleicht kann Agnieszka Holland eine von ihnen entgegennehmen.
Die Regisseurin
Agnieszka Holland wurde 1948 in Warschau als Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren. Ihre Eltern, beide engagierte Journalisten, kämpften während des Krieges gegen die Nazis, gerieten aber auch mit den neuen Machthabern in Konflikt: Ihr Vater starb 1961 in Polizeigewahrsam. Holland selbst wurde nicht an der polnischen Filmakademie aufgenommen und studierte stattdessen in Prag. Während des "Prager Frühlings" wurde sie wegen antisowjetischen Protests festgenommen. Nach der Rückkehr nach Polen gelang es ihr zunächst trotz der Zensur, sich als freie Filmemacherin zu etablieren. Als ihre Arbeit jedoch zunehmend behindert wurde, ging sie 1984 ins französische Exil.
Werke - eine Auswahl
Zu den bekannteren Werken Agnieszka Hollands gehört der Film "Bittere Ernte" (1984) mit Armin Mueller-Stahl und Elisabeth Trissenaar, der die Geschichte einer versteckten Jüdin erzählt. In "Priestermord" (1988) macht Holland den Fall des Mordes an dem polnischen Priesters Popieluszko durch die Staatssicherheit zum Thema. "Total Eclipse" (1995) bringt die homoerotische Beziehung zwischen Arthur Rimbaud und Paul Verlaine auf die Leinwand, 1997 verfilmte Holland mit "Washington Square" einen Roman von Henry James. In "Julie Walking Home" (2001) sucht eine junge Mutter Hilfe für ihren todkranken Sohn bei einer Heilerin, "Klang der Stille" (2006) versucht ein Filmporträt Beethovens.
Marta Kijowska hat mit Agnieszka Holland über ihren Film "In Darkness" gesprochen. Zu hören ist ihr Beitrag im Kulturjournal am Sonntag, 5. Februar 2012 ab 18.05 Uhr auf Bayern 2.

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