Bayern 2 - Kulturjournal


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Bürgerrechte und Rassismus Neues afroamerikanisches Doku-Kino

Auch mehr als 50 Jahre nach der Aufhebung der offiziellen Rassentrennung sind Schwarze in den USA systematisch benachteiligt. Einige neue Dokumentarfilme blicken auf Geschichte und Gegenwart des Rassismus in Amerika.

Stand: 22.02.2017

"Race Mixing Is Communism": Das war 1959 auf den Schildern einer Protestaktion vor dem Capitol zu lesen, die sich gegen gemischtrassige Schulen in den USA richtete. Die weiße Dominanz in der Gesellschaft und die Selbstbehauptung im Kalten Krieg - das ging für die Demonstranten Hand in Hand. Und sie sahen Identität und Ordnung durch die Bürgerrechtsbewegung bedroht. Die Geschichte dieser Konfrontationen, die Geschichte des Rassismus in Amerika zu erzählen, haben sich starke neue Dokumentarfilme zur Aufgabe gemacht. Einer davon, "I Am Not Your Negro", zeigt auch die Bilder vom weißen Widerstand gegen die "Rassenmischung".

Die Wunden der Diskriminierung

Zu den wichtigsten literarischen Stimmen gegen die Diskriminierung der Schwarzen gehörte in den 50er- und 60er-Jahren der Schriftsteller James Baldwin. Geboren 1924 in Harlem, ging Baldwin 1948 nach Paris. Der junge Autor arbeitete bereits an seinem später berühmt gewordenen autobiografischen Roman "Go To Tell It in the Mountain", wurde aber stets nur als Experte für "Negerfragen" wahrgenommen.

Weiße Proteste gegen "Rassenmischung" Ende der 50er-Jahre

Dem wollte er entkommen - obwohl er natürlich, wie jeder andere Schwarze auch, tatsächlich ein solcher Experte war: Die Benachteiligung der Schwarzen im Alltag, in Schulen, in der Öffentlichkeit, im Arbeitsleben kannte er aus eigener Erfahrung. "Ich kann mir keinen in diesem Land geborenen Neger denken, dem nicht seine Lebensumstände bis zum Zeitpunkt der Pubertät unheilbare Wunden zugefügt haben", schrieb er einmal. Baldwin blieb mit Unterbrechungen in Frankreich, war aber der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung eng verbunden. 1979 begann er seinen letzten, unvollendet gebliebenen Text "Remember This House" mit Erinnerungen an seine drei ermordeten Freunde Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King und Reflexionen über die eigene Biografie. Der haitianische Regisseur Raoul Peck inszeniert die 30 bislang unveröffentlichten Manuskriptseiten in seinem Film "I Am Not Your Negro" in einer Collage mit Archivfotos, Filmausschnitten und Nachrichtenclips.

Unsichtbarkeit von Schwarzen

Pecks Film wurde gerade auf der Berlinale gezeigt und gewann dort den Publikumspreis. Er lehrt auch, dass viele der damals verhandelten Themen bis heute fortwirken: Die Unsichtbarkeit von Schwarzen in den alten Kinomythen Hollywoods etwa hat ihre Nachwirkungen in der weiter bestehenden weißen Dominanz bei den Oscars: Im vergangenen Jahr bündelte sich massiver Protest dagegen unter dem Hashtag #OscarsSoWhite, prominente Schwarze wie die Schauspielerin Jada Pinkett-Smith oder der Regisseur Spike Lee blieben der Preisverleihung fern. Zwar sind 2017 mehr Arbeiten von Schwarzen unter den Nominierten - darunter auch "I Am Not You Negro" in der Kategorie Dokumentarfilm -, dennoch haben Schwarze nach wie vor grundsätzlich weitaus größere Schwierigkeiten, zum Beispiel als Cutter, Kameraleute oder Drehbuchautoren in der Filmindustrie anzukommen.

Struktureller Rassismus

James Baldwin, der 1978 in seinem Wohnort in Südfrankreich starb, wollte nicht vorrangig den individuellen, sondern den strukturellen Rassismus in den USA ansprechen. Zu diesem Rassismus gehört auch die Polizeigewalt gegen Schwarze, mit der sich Craig Atkinson in seinem Film "Do Not Resist" auseinandersetzt. Atkinson ist Sohn eines weißen Polizisten, was eine Debatte darüber hervorgerufen hat, ob sein Film, der eindrucksvoll die zunehmende Militarisierung der Polizei belegt, dennoch als "schwarz" zu bezeichnen ist. Die gleiche, aber dann wohl doch nicht weiterführende Frage ließe sich auch an den Film "For Ahkeem" von Jeremy S. Levine & Landon Van Soest stellen. Die Filmemacher zeigen darin die Langzeitbeobachtung eines Mädchens aus einem Ghetto in St. Louis, Missouri - unweit von Ferguson, wo im August 2014 Michael Brown erschossen wurde.

Yance Ford, Regisseur von "Strong Island"

"13th - Der 13." heißt eine ebenfalls Oscar-nominierte Doku der Regisseurin Ava DuVernay über die Kriminalisierung von Schwarzen und die Zustände in US-Gefängnissen, "Strong Island" von Yance Ford erzählt vom Mord am Bruder des Regisseurs durch einen Weißen. Der Rassismus des Rechtssystems zeigt sich an den Fällen, von denen diese beiden Filme erzählen: DuVernay berichtet davon, dass 97% der Gefangenen, unter denen unverhältnismäßig viele Schwarze sind, gar kein Verfahren bekommen haben und dennoch einsitzen, weil sie sich keinen Deal mit einem Staatsanwalt leisten konnten. Auch der weiße Täter in Fords Doku, der einen Schwarzen erschoss, weil er sich von ihm bedroht fühlte, wurde nie vor Gericht gestellt - aber er ist frei.

"Wer verhaftet wird und nicht weiß ist, kommt in der Regel auch ins Gefängnis. Das ist die weiße Angstfantasie: Schwarze sind gefährlich. Aus Europa nimmt man das nicht so konkret wahr, man ist weiter weg, aber für mich und alle anderen farbigen Menschen in Amerika ist das der Alltag."

Regisseur Yance Ford

Zeit für einen neuen Widerstand

Die "weiße Angstfantasie", von der Yance Ford spricht, war nie verschwunden, mit der Präsidentschaft von Donald Trump wird sie, wenn auch mit neuer Ausmalung des Feindbilds - Mexikaner oder Muslime -, von Amts wegen und so unverhohlen bedient wie lange nicht. Das ist besorgniserregend - könnte aber auch der Anlass für einen neuen Widerstand nicht nur unter Schwarzen sein. Darauf jedenfalls setzt Yance Ford. "Es wird sich erst etwas ändern, wenn sich eine kritische Masse weißer US-Bürger entschließt, dass der institutionalisierte Rassismus ein Ende haben muss", davon ist der Filmemacher überzeugt. Und auch für ihn bleibt in den nächsten vier Jahren viel zu tun.

Kulturjournal

"Pursuit of Happiness: Afroamerikanische Filmemacher erinnern an eine große Utopie"
Von Moritz Holfelder


Sonntag, 26. Februar, 18:05 Uhr


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