Bayern 2 - Katholische Welt

Wilhelm Emmanuel von Ketteler "Das Kapital ist gottlos"

Er galt als das soziale Gewissen der Katholiken: Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Ende des 19. Jahrhunderts hat der Bischof von Mainz auf tiefgreifende Reformen in Staat und Gesellschaft gedrungen. Vor 200 Jahren wurde er geboren.

Autor: Christian Feldmann Stand: 22.12.2011
Wilhelm Emmanuel von Ketteler | Bild: picture-alliance/dpa

Wilhelm Emmanuel Ketteler war als junger Mann ein Hitzkopf, ließ sich ständig in Streit verwickeln. Bei einem Säbelduell verlor er sogar seine Nasenspitze und musste 14 Tage lang in den Karzer. Eine komplizierte Gesichtsoperation brachte ihn zwar wieder in den Besitz der Nasenspitze; die Narbe blieb jedoch sein ganzes Leben lang sichtbar. 20 Jahre nach dem Duell wurde Wilhelm Emmanuel von Ketteler zum Bischof von Mainz ernannt. Seine eiserne Willensenergie hatte aus dem jungen Hitzkopf einen Priester gemacht – ein Kämpfer war er geblieben, entschlossen, mutig, immer noch rauflustig, aber nun mit Worten.

"Größere Wunder, als Tote zu erwecken"

Wie es dazu kam, dass sich der Jurastudent von Ketteler plötzlich für den Priesterberuf interessierte, ist nicht überliefert. In einem Brief hatte er geschrieben: "Um mich (...) zum geistlichen Leben umzugestalten, wären größere Wunder erforderlich, als Tote zu erwecken." Die Wunder geschahen. 1844 wurde der Freiherr von Ketteler zum Priester geweiht. Als Kaplan in Beckum legte er einen ausgesprochen einfachen Lebensstil an den Tag. In seine Predigten und Katechesen strömten so viele Zuhörer aus dem ganzen Umland, dass er sie bald unter freiem Himmel halten musste. Er beschränkte sich aber nicht aufs Predigen, sondern half vor allem den Armen und Bedürftigen: Bettelte zum Beispiel einem wohlhabenden Bauern ein Bett ab.

Die Zeichen standen auf Revolution

Die Paulskirche in Frankfurt - Wirkstätte von W.E. von Ketteler

1884 wurde von Ketteler mit großer Mehrheit in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Als das Parlament in der Paulskirche eröffnet wurde, trug der Freiherr Ketteler an seinem Priesterhut einen schwarz-rot-goldenen Aufnäher – und nahm bei der radikalen Linken Platz. Erschrocken über ihre finstere Kirchenfeindlichkeit, zog er nach ein paar Tagen zwar zur bürgerlichen Mitte um, schloss sich aber keiner Fraktion an. Am 18. September 1848 kam es zum Aufruhr in Frankfurt. Ein radikaler Mob, dem das Paulskirchenparlament zu bieder war, tobte sich auf den Straßen aus und ermordete zwei Abgeordnete, den Fürsten Lichnowsky und einen verdienten General aus den Befreiungskriegen. Ihr Parlamentskollege Ketteler hielt ihnen die Leichenrede.

"Die eigentlichen Mörder sind nicht diejenigen, die den beiden die Kugeln durch die Brust geschossen und den Schädel gespalten haben, sondern jene Demagogen, die dahin streben, im Volke den Glauben an den allmächtigen Gott zu vertilgen. (...) Es sind jene Männer, welche den Umsturz nicht nur als eine traurige Notwendigkeit unter besonderen Umständen anerkennen, sondern welche den Umsturz zum Prinzip erheben und das Volk von Umsturz zu Umsturz hinreißen. Mit Christus, in der Wahrheit, die er gelehrt, auf dem Wege, den er gewiesen, können wir die Erde zum Paradiese machen (...), können wir, ich behaupte es aus der tiefsten Überzeugung meiner Seele, selbst Gemeinschaft der Güter und den ewigen Frieden herstellen und zugleich die freiesten sozialen und politischen Institutionen schaffen, ohne ihn werden wir mit Schmach, Schande und Elend zugrunde gehen."

Wilhelm Emmanuel von Ketteler

Diese Leichenrede, gedruckt und im ganzen Land verbreitet, machte den Bauernpfarrer aus Westfalen über Nacht zu einem Sprachrohr der deutschen Katholiken. In der sozialen Frage ergriff er als erster Kirchenführer die Initiative. Er gründete den Mainzer Gesellenverein, rief eine Gesellschaft zur Unterstützung von Strafentlassenen und mehrere Vereine zur Förderung von Krankenhäusern ins Leben, regte eine Versorgungsanstalt für ledige Frauen an, die ihnen in Krankheit und Alter ein Einkommen sichern sollte. Doch über die kirchliche Caritasarbeit hinaus begann er bald energisch auf tiefgreifende Reformen in Staat und Gesellschaft zu drängen.

"Die Arbeiterfrage und das Christentum"

Kardinal Reinhard Marx hat das Buch "Christ sein heißt politisch sein. Wilhelm Emmanuel von Ketteler für heute gelesen" geschrieben.

1864 erschien Kettelers grundlegendes Werk „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ mit der These, nur der Geist des Christentums könne das Arbeiterelend beseitigen. Schuld an der sozialen Misere sei der Liberalismus, weil die uneingeschränkte Gewerbefreiheit zur Verelendung der sozialen Schichten führe. Ketteler empörte sich darüber, "dass die Arbeit eine Ware geworden ist, die daher auch den Gesetzen der Ware unterliegt. Das ist der Sklavenmarkt unseres liberalen Europas."

"Man kann sehr viel von Wilhelm Emmanuel von Ketteler lernen. Eine Wirtschaft, die dem Menschen nicht dient, kann nicht akzeptiert werden. Also ein primitiver Kapitalismus, wie er sich vor allen Dingen auch wieder nach der Wende 1989/90 breitgemacht hat, ein Kasino-Kapitalismus, wäre inakzeptabel in den Augen von Ketteler, und darauf müssen wir achten, das ist noch längst nicht erreicht, wir brauchen also eine Ordnungspolitik, eine Rahmenordnung, auch auf europäischer, auf Weltebene, um das in Gang zu setzen. Und es gehört dazu, dass man Verantwortung und Haftung zusammenbringt, das ist ein wesentlicher Gedanke, und wenn man ohne Risiko Geld anderer Leute verspielen kann oder Gewinne macht, die man dann für sich behält, und die Verluste, die verheerenden Folgen der Allgemeinheit überlässt, ist das im Grunde ein Wirtschaftssystem, das man so nicht akzeptieren kann."

Kardinal Reinhard Marx