Kirche in der Großstadt Seelsorge für Sinnsucher
Um 19 Uhr ein Meeting, dann ins Fitness-Studio und auf dem Heimweg den Laptop noch mal schnell aufklappen - vielen Städtern bleibt kaum Zeit zum Innehalten. In München und Nürnberg haben die Kirchen mit City-Angeboten reagiert.
Die moderne Form städtischer Seelsorge will offen sein für die veränderten Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen. Mit der sogenannten "City-Pastoral" passen sie sich dem hohen Lebenstempo der Menschen an. Vor allem in Großstädten bieten sie inmitten der Innenstadt Plattformen für Meditation, Gespräche und Gottesdienste. Sie wollen eine Glaubensheimat sein für die "Konfession der Skeptiker", wie sie der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn bezeichnet: "Für all diejenigen, die religiös sind im Vorübergehen und vorübergehend religiös."
Spätmesse als Münchner Menschenmagnet
Was ist "City-Pastoral"?
Die "City-Pastoral" will inmitten der Großstadt einen Ort bieten, an dem man Menschen des Glaubens treffen kann, um mit ihnen seine Unsicherheiten und Zweifel, Hoffnungen und Sehnsüchte teilen zu können. "Orte des Lebens als Orte der Seelsorge" - das steckt als Grundgedanke hinter der City-Pastoral.
Die leeren Bänke in vielen Kirchen zeigen, dass der normale Sonntagsgottesdienst immer weniger Menschen anspricht. Deshalb wurde in St. Michael eine Spätmesse am Sonntagabend um 21 Uhr ins Leben gerufen, zu der mehrere hundert Menschen kommen. Gerade an Ostern und Weihnachten ist oft eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn kein Sitzplatz mehr frei, hunderte Menschen stehen in den Seitengängen.
Ein Angebot für Sinnsucher
Die City-Pastoral macht jüngeren und älteren Sinnsuchern in der Großstadt ein Angebot. Katholische Spiritualität auf dem freien religiösen Markt, nennt es Karl Kern, Pater in der Jesuitenkirche St. Michael. Eine der wichtigsten pastoralen Aufgaben sei es, einzelnen Menschen in einer verplanten und normierten Gesellschaft ein Gefühl für den Wert ihres Lebens zu vermitteln. Weil die Konkurrenz groß ist, müsse Kirche anspruchsvoll sein – ästhetisch, intellektuell und in punkto Musik. Citykirchen sind für diejenigen da, die sich nicht eingemeinden lassen, die eher kirchenfern, aber doch religiös neugierig oder vielleicht nur auf Zeit religiös sind. Und so wendet sich St. Michael neben den normalen Gottesdiensten auch an einzelne Zielgruppen: Kurze Meditationen für gestresste Manager, eigene Gottesdienste für Trauernde, Geschiedene oder für Singles.
Individuelle Seelsorge in Nürnberg
Pünktlich zum Samstagabend lädt die "Offene Kirche" St. Klara zum Feiern, an diesem Samstag zur Lebensfeier. Keine Orgel, sondern E-Piano und Saxophon sorgen für den musikalischen Rahmen. Wer zur Lebensfeier kommt, muss nicht in der katholischen Liturgie sozialisiert sein, muss nicht wissen, wann er sich zu bekreuzigen hat und wann die Gemeinde wie antwortet. Die Besucher stehen auf, gehen zu verschiedenen Stationen in der Kirche, unterhalten sich, lachen, haben Gelegenheit zum Rückblick. Die Lebensfeier findet zwar im sakralen Raum statt, will aber "nicht aufdringlich religiös" sein, heißt es im Konzept.
Die katholische Kirche hat oft das Image, nur für diejenigen offen zu sein, die den Katechismus kennen und danach leben. St. Klara macht Angebote auch für die, deren Leben nicht mit katholischen Moralvorstellungen in Einklang steht: zum Beispiel sogenannte Scherbenandachten für Menschen, deren Beziehung in die Brüche gegangen ist. Aber es gibt auch Gedenkfeiern für Vergessene: verstorbene Drogensüchtige oder Obdachlose, die auf der Straße erfroren sind. Regelmäßige Andachten richten sich an verwaiste Eltern oder an Hinterbliebene von Selbstmordopfern. In der Kirche gibt es eine Trauerwand für Gebetszettel. Viele, die nach St. Klara kommen, haben existentielle Fragen – für sie stehen Seelsorger zum Gespräch und zur geistlichen Begleitung bereit.
City-Pastoral als Vorbild für Pfarreien?
City-Pastoral ist ein Experimentierfeld, hier erleben viele eine lebendige Kirche – und im besten Fall finden sie die eine oder andere Antwort auf ihre Glaubens- und Lebensfragen. Von den Stadtkirchen, so glauben die Besucher von St. Michael und St. Klara, könnten die Pfarreien noch lernen, sich stärker zu öffnen für Suchende unserer Zeit.

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