Heilige Frauen und das Leid "Am Kreuz habe ich dich lieben gelernt"
Die Heiligsprechung der schwerstbehinderten Dienstmagd Anna Schäffer am 21. Oktober durch Papst Benedikt XVI. ist eine Provokation: Ein nach den Normen der Leistungsgesellschaft komplett nutzloses Leben wird zu einem gelungenen Modell menschlicher Existenz erklärt.
Wenn das dem römischen Katholizismus unausrottbar anhaftende Image, quer zum Zeitgeist zu liegen, einmal hundertprozentig stimmt, dann bei der Heiligsprechung der Dienstmagd Anna Schäffer.
Unmenschliches Leiden
Anna Schäffer wude am 18. Februar 1882 geboren. Als der Vater vierzigjährig an Tuberkulose starb, wurde die Not für die Witwe und ihre sechs Kinder drückender. Die "Nandl", wie man die Anna nannte, damals vierzehn, gab man auf Vermittlung des Pfarrers als Haushaltshilfe in Dienst.
Am 4. Februar 1901 geschah in einer verrußten Waschküche bei Ingolstadt jener schreckliche Unfall, der das Leben des knapp neunzehnjährigen Dienstmädchens für immer verändern sollte: Anna stürzte mit beiden Füßen in eine kochende Lauge. Im Krankenhaus Kösching und später in der Erlanger Uni-Klinik musste Anna insgesamt dreißig schmerzhafte Operationen und ziemlich dilettantische Hautverpflanzungen über sich ergehen lassen. Die tobende Kranke musste bei den brutalen Operationen von mehreren Helfern festgehalten werden. Aus Unachtsamkeit brach man ihr dabei Füße und Zehen.
Kraftquelle für andere Menschen
Annas Wunden brannten und eiterten bis an ihr Lebensende am 5. Oktober 1925, das heißt vierundzwanzig Jahre lang, Tag und Nacht. Doch der Mensch, der da scheinbar wie ein elendes Stück Fleisch dahin vegetierte, entfaltete fantastische innere Energien. Die "Nandl" schaffte es, ihre zermarterte Existenz in eine Kraftquelle für andere Menschen zu verwandeln - und in eine Möglichkeit, dem Ewigen zu begegnen.
Mehr als hundert fromme und trotzdem nüchterne Trostbriefe sind erhalten - die meisten mit der trotzigen Versicherung "Mir geht es gut" -, winzige Notizblätter, ein paar Hefte mit Erinnerungen und Träumen. Ihre Trostbriefe verzierte sie mit fantasievollen Zeichnungen, und gern legte sie eigene Gedichte bei:
"Süßes Leid für Gott zu leiden - schöner Tod: im Herrn zu sterben - ich umarme Dich mein Heiland, solchen Tod mir zu erwerben, wenn Maria sanft mich tröstet, Jesukind mich hält umfangen, wandle ich, den Tod in Wonne heißt es: Sie ist heimgegangen!"
Anna Schäffer
Gott als Zentrum ihres Lebens
Leidensmystik hin oder her - es gibt kluge Theologen, die haben großen Respekt vor der einfach formulierten, aber keineswegs simplen Spiritualität der Mindelstettener Dienstmagd geäußert. Gott ist das Zentrum ihres Lebens, Gottes Liebe zu den Menschen - nicht ihre Beschwerden und Beeinträchtigungen, nicht die zerschlagenen Träume und Möglichkeiten. Anna Schäffer interpretierte ihre Leiden als Teilhabe an der Passion Christi, dem das "harte Kreuzesbett", wie sie sagte, ebenfalls nicht erspart geblieben sei.
Begnadete Mystikerinnen
Krankheit, Verzweiflung und Schmerz spielten auch eine wichtige Rolle im Leben einer anderen großen Frau, auf die sich in diesen Tagen die Blicke der Weltkirche richten - und die auf den ersten Blick das genaue Gegenteil der schüchternen Dienstmagd aus Mindelstetten darstellt: Hildegard von Bingen, Vordenkerin einer umweltbewussten Schöpfungstheologie und Visionärin von gewaltiger poetischer Kraft, Äbtissin, Mystikerin, Komponistin, erste deutsche Naturforscherin, Briefpartnerin von Päpsten und Königen.
Mehr als achthundert Jahre nach ihrem Tod hat sie ihr Landsmann Benedikt XVI. heuer im Mai in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen, und am 7. Oktober erhob er sie zur Kirchenlehrerin - nach dreißig männlichen "Kirchenlehrern" die vierte Frau, die diesen Ehrentitel trägt, neben Caterina von Siena, Teresa von Ávila und Thérèse von Lisieux. Alles begnadete Mystikerinnen, die der kirchlichen Obrigkeit mit ihren Reformprogrammen für Klerus und Klöster manche harte Nuss zu knacken gaben.

Wetter

