Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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9. Mai 1869 Der Deutsche Alpenverein wird gegründet

Einst waren die Alpen eine unzugängliche steinige Öde, doch dann wurde am 9. Mai 1869 der Deutsche Alpenverein gegründet. Bald gab es in der harten Bergwelt ein beispielloses Wegenetz und Hütten. Für Männer, Frauen galten anfangs noch als der Untergang des Alpinismus.

Stand: 09.05.2011 | Archiv

09 Mai

Montag, 09. Mai 2011, 09:50 Uhr

Autorin: Elke Endraß

Sprecher: Horst Raspe

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Man schrieb den 9. Mai 1869, und im Gasthaus zur "Blauen Traube" in München roch es irgendwie nach Revolution - einer Revolution freilich, von der man so in den Schulbüchern nicht lesen kann. 36 braungebrannte, zünftige Naturburschen hatten sich hier versammelt, denen man ansah, dass sie sich bei Wind und Wetter draußen aufhielten. Als begeisterte Bergfreunde hatten sie es sich zum Ziel gesetzt, "alle Verehrer der erhabenen Bergwelt zu vereinen". Bitterernst war es ihnen mit dieser Forderung, weshalb sie zur Durchsetzung derselben den Deutschen Alpenverein mit der Sektion München nachdrücklich aus der Taufe hoben. Zweck der Neugründung sei es, "die Kenntnis von den Deutschen Alpen zu erweitern ... und ihre Bereisung zu erleichtern."

Das klang verdächtig nach Protest, denn Alpenvereine gab es ja bereits, im nahen Österreich zum Beispiel. Doch die wollten, dass die "edlen Berge" nur ein paar Auserwählten vorbehalten bleiben sollten, nur solchen Zeitgenossen also, die sich zu Höherem berufen fühlten wie die Gebrüder Schlagintweit zum Beispiel. Diese trieb reiner Forschergeist auf Gipfel und Gletscher; daran war ja nichts auszusetzen. Aber Bergsteigen und Wandern - nur so aus Spaß an der Freud und der Natur? Nein, das konnten und wollten die ehrwürdigen Rauschebärte des Österreichischen Alpenvereins nicht verstehen.

Das war der Knackpunkt. Denn das war der revolutionäre Gedanke der wackeren Bergfexen in der "Blauen Traube": Die Berge waren für alle da und mussten somit auch allen zugänglich gemacht werden. Der Ausverkauf der Natur hatte unmerklich begonnen. In den kommenden Jahren wurden viele Millionen Goldmark in die Berge investiert; die einstmals unzugängliche steinige Öde durchzog man mit einem beispiellosen Wegenetz; Hütten wurden errichtet, um den Abenteurern Schutz vor der Unbill der Natur zu bieten. Wir betonen: den Abenteurern. Denn auch die Seilschaft in der "Blauen Traube" vertrat die Auffassung, dass "eine Frau in den Bergen nichts zu suchen habe" - ja, dass "das Weib der Untergang des Alpinismus" sei.

Dabei hatten in der Vergangenheit schon viele Kletterhexen ruhmreich auf sich aufmerksam gemacht. So wurde die mehr als 2.400 Meter hohe "Laugenspitze" bei Meran erstmals von zwei Damen bezwungen. Im Jahre 1552 war das - weiß Gott - kein Pappenstiel. Als richtige Sensation aber galt die Bauernmagd Marie Paradis. 1809 wurde sie von ein paar Bergführern dazu überredet, den Montblanc zu besteigen. Unterwegs bekam sie einen Höhenrausch. Halb zog man sie, halb sank sie hin. Vom Gipfelerlebnis hatte sie nicht viel, weil sie ohnmächtig danieder lag und erst im Tal wieder langsam zu sich kam. Aber immerhin: Sie war die erste Frau auf dem Montblanc gewesen.

Die zweite, die den Weißen Berg mehr oder minder aus eigener Kraft bezwang, hieß Henriette d’Angeville. Sie besaß eine Menge Gottvertrauen und mehr als genug Geld, um ihrer Bergleidenschaft frönen zu können. Mit sechs Führern und sechs Trägern ging es steil bergauf. Für die Brotzeit hatte sie nicht weniger als 24 Hühner, 18 Flaschen Bordeaux und einen Topf Suppe eingepackt. In Pumphosen, Pelzboa, Strohhut und Schneebrille erreichte sie ihr Ziel und wurde nach dem Abstieg unten im Tal mit Böllerschüssen empfangen.

Doch trotz dieser weiblichen Höchstleistungen sträubte sich der Deutsche Alpenverein zunächst beharrlich gegen die Mitgliedschaft von Frauen. Er kapitulierte erst 1893, als eine fesche Münchner Kindergärtnerin namens Käthe Levi gegen so viel Ungerechtigkeit aufbegehrte. "Ja, sagn’S amal, hat denn unser Herrgott d’Berg bloß für d’Mannsbuider g’schaffn?" rief sie zornig und stampfte mit den hübschen Füßen auf. Dem hatten die Herren der Schöpfung nicht mehr viel entgegen zu setzen. Als erstes weibliches Mitglied wurde Käthe gnädig in den Deutschen Alpenverein aufgenommen, dem sie dann über 60 Jahre angehörte.


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