Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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29. Januar 1852 Philip Henry Gosse sammelt Meerestiere

Philip Henry Gosse, ein Herr im schwarzen Anzug, stochert am 29. Januar 1852 im Schlick der Meeresbrandung von Devonshire. Eine Großtat, denn bald wird er das Aquarium erfinden.

Stand: 29.01.2015 | Archiv

29 Januar

Donnerstag, 29. Januar 2015

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

Die Liebe zum Meer hat viele Facetten, und gerade glühende Verehrer können sonderliche Verhaltensweisen entwickeln: Zum Beispiel  Philip Henry Gosse. In einem hochgeschlossenen, schwarzen Anzug durchkämmt er akribisch den Schlick, kratzt mit Hämmerchen und Meißel schlecht zugängliche Riffspalten aus. Oder: starrt hochkonzentriert in mit Wasser gefüllte Felsbecken. Der englische Naturkundler war ganz in seinem Element, als er am 29. Januar 1852 an der Felsküste von Devonshire herumstocherte.

Eine großartig angezogene Kreatur

Seegras landet in großen Sammelkörben - "die empfindlichsten und entzückendsten Arten!" - außerdem Wellhornschnecke, Einsiedlerkrebs und die prächtige Meeresanemone. Die besondere Sympathie des Naturforschers gilt dabei dem Meereswurm: Eine borstige Haarpracht bedeckt den kleinen Körper und reflektiert das Sonnenlicht in allen Farben. Der Sammler urteilt:
"eine großartig angezogene Kreatur!"

Bisher war die submarine Welt für den Menschen ein verborgener, ja - ein geradezu unheimlicher Ort gewesen. Doch Gosse holte das Meer ins Wohnzimmer - lebende Seetiere in transparenten Wasserbehältern - das Meer im Glas!
Er kreierte dafür das Wort "Aquarium" - eine absolute Sensation.

Ein Meerwasseraquarium nach Gosses Geschmack ist eine Miniaturlandschaft für Seestichling, Meeräsche und Schwarzgrundel. Ein schillerndes, blaugrünes Durcheinander mit Seenadel, Herzmuschel und Kalkröhrenwurm. Bis zu 100 Tiere hält der Unterwasserliebhaber in einem einzigen Tank. Manch eine Nachbarschaft endet tödlich. Doch Gosse sitzt bis spät in die Nacht vor seiner submarinen Welt und bewundert, wie das Kerzenlicht durch die nahezu durchsichtigen Körper der Garnelen sickert.

Wachsender Bedarf an frischem Meerwasser

Zwei Jahre nach der Exkursion an die englische Meeresküste erscheint 1854 Gosses Bestseller: "Das Aquarium - Eine Enthüllung der Tiefseewunder".
Ein bizarres, reich illustriertes Werk, vor dem Kritiker allerdings inständig warnen: Das Buch sei keinesfalls in die Hände von Kindern zu geben. Sonst sei es vorbei mit dem häuslichen Frieden, zumindest solange kein Aquarium angeschafft sei!

Doch zu spät: Der Aquariumsbazillus hat schon um sich gegriffen: Plötzlich gilt es als schick, mit Sammelkörben über Englands Küsten herzufallen; vor allem die Damen der feinen Gesellschaft frönen dem neuen Hobby. Ein schwunghafter Handel liefert die nötigen Utensilien für den Transport lebender Meerestiere und befriedigt den wachsenden Bedarf an frischem Meerwasser. Bald laden auch die ersten öffentlichen Aquarien ein - zunächst in London, wenig später in Paris und Berlin. Das Nonplusultra stimmungsvoller Architektur, wo Schaulustige in grottenähnlichen Gewölben von Vitrine zu Vitrine schreiten.

Und Philip Henry Gosse, der Vater des Aquariums? Ihm ging die raue Strandbrise an die Nieren, im Alter musste er sich der Küste fernhalten. Doch die war in seinen Augen ohnehin nicht mehr zu retten - sammelwütige Heerscharen von Aquaria Maniacs hatten die Flutlinie von Devonshire inzwischen völlig leergegrast.


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