Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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26. April 1840 Das Märchen von Hase und Igel wird erstmals veröffentlicht

Igel laufen langsamer als Hasen? Stimmt. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie dann das Wettrennen gewinnen. Schon wieder ein Sportskandal, der aufgedeckt wurde. Autorin: Christiane Neukirch

Stand: 26.04.2016 | Archiv

26 April

Dienstag, 26. April 2016

Autor(in): Christiane Neukirch

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Ob ein Ereignis einmal als "historisch" gelten darf, hängt davon ab, wer es für die Nachwelt festhält. Das Ereignis, von dem hier die Rede sein soll, muss von einem Profijournalisten protokolliert worden sein; denn es ist bis ins Detail genau beschrieben. Der Autor, der die fragliche Begebenheit am 26. April 1840 im "Hannoverschen Volksblatt" veröffentlichte, hieß Wilhelm Schröder. Die Überschrift des Artikels lautete: "Dat Wettlopen twischen den Hasen un den Swinegel up de lütje Heide bi Buxtehude" zu hochdeutsch: "Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel auf der Buxtehuder Heide". Schröder verstand etwas von Protokollen: denn er war Jurist und Journalist. Doch Zeuge des Geschehens war er nicht. Er zitiert vielmehr seinen Großvater, der ebenfalls nicht dabei war. Wer also anwesend war, ist nicht überliefert. Daher fehlen auch gewisse Rahmendaten. Zum Beispiel wissen wir nicht, wann sich das heute als bedeutsam anerkannte Sportereignis zugetragen hat. Aber wir wissen immerhin, wo: an einem Ort, der sonst nicht gerade für olympische Großereignisse bekannt ist. Dort trug sich also irgendwann einmal folgendes zu:

Sport ist Mord

Der Igel, plattdeutsch "Swinegel", wird vom vornehmen Hasen wegen seiner krummen Beine verspottet. Der Igel fordert darauf den Hasen zu einem Wettrennen heraus. Heimlich stellt er am Zielort seine Frau auf, die ihm auf den Stachel genau gleicht. Das Rennen beginnt: In zwei parallelen Ackerfurchen laufen "Ha as un Swinegel" nebeneinander her. Doch der Igel rennt nur ein paar Schritte; dann setzt er sich und wartet. Als der Hase mit Höchstgeschwindigkeit das Ziel erreicht, steht Frau Igel auf und sagt: "Ich bin schon da!" Der verdutzte Hase macht auf der Pfote kehrt und ruft: "Noch einmal gelaufen, wieder rum!". Doch diesmal wartet am Ziel schon der Igel. 73-mal läuft der Hase die Strecke, mit immer demselben Ergebnis. Beim 74. Versuch bricht er tot zusammen. Soweit das Protokoll.

Heirat gegen Burnout

Von einer objektiven Reportage ist der Text jedoch weit entfernt. Der Chronist ist parteiisch. Den Igel schildert er als zufriedenen, fröhlichen und gewitzten Zeitgenossen; den Hasen als dünkelhaft, herablassend und hochfahrend. Ferner begnügt sich Schröder nicht mit dem Erzählen der Begebenheit: Er gibt den Lesern zum Schluss zwei Handlungsanweisungen mit auf den Weg, landläufig bekannt als "Moral von der Geschicht‘". Die erste bezieht sich auf den Hasen. Heutige Kommentatoren würden angesichts des kopflosen Gerennes  eine Warnung vor der Burnout-Falle aussprechen. Wilhelm Schröder aber, des Wortes "Burnout" unkundig, mahnt den Leser, seine Gesprächspartner nicht herablassend zu behandeln - egal welchen Standes sie sein mögen. Die zweite Anweisung richtet sich an die Igelmänner: Heiratet euresgleichen! Nur Igelfrauen können Euch nützen! Dem Aufruf kann man auch heute noch beipflichten: In Zeiten, da die Igel in Deutschland weniger werden, ist unbedingt auf fruchtbare Familienplanung zu achten. Das gilt für norddeutsche Swinegel genauso wie für bayerische Meckis.


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