Bayern 2 - Das Kalenderblatt


2

21. November 1834 Hetty Green geboren, Finanzspekulantin

Hetty Green sparte, wo es ging. Ihr ungeheures Vermögen hat die Amerikanerin als erster weiblicher Tycoon an der Wall Street gemacht. Autorin: Ulrike Rückert

Stand: 21.11.2016 | Archiv

21 November

Montag, 21. November 2016

Autor(in): Ulrike Rückert

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

"Geiz ist geil" war das Lebensmotto von Hetty Green, einem weiblichen Dagobert Duck mit Eintrag im Guinnessbuch der Weltrekorde als größter Geizhals aller Zeiten. Geldverdienen war ihre ganze Leidenschaft, und sie besaß ein außerordentliches Talent dafür: Aus sieben geerbten Millionen machte sie hundert, nach heutigem Maßstab wäre sie Milliardärin. Geldausgeben dagegen machte ihr überhaupt keine Freude.

Gratisknochen für den Hund

Am 21. November 1834 wurde Hetty Green in eine Familie von reichen Reedern in Massachusetts geboren. Als Kind war sie am liebsten an der Seite ihres Vaters im Hafen und im Büro. Statt Märchenbüchern las sie Börsenberichte. Ihr Vater erklärte ihr alles und verzieh ihr dabei vielleicht sogar, dass sein einziges Kind ein Mädchen war. Aber als er starb, vertraute er ihr Erbe Treuhändern an, so wie es üblich war, weil man glaubte, dass Frauen nicht mit Geld umgehen könnten.

Hetty schäumte. Sie war dreißig Jahre alt, wusste mehr über Geschäfte und Finanzen als mancher Wall-Street-Banker und brannte darauf, mit ihrem Wissen zu arbeiten - aber über ihr Kapital verfügten fremde Männer, als sei sie ein Kind.

Einstweilen tat sie, was man von einer Frau erwartete: Sie heiratete einen reichen Geschäftsmann, bekam zwei Kinder und führte den Haushalt. Doch einkaufen ging die Millionärin sogar persönlich. Statt Konfekt nahm sie Keksbruch und verlangte beim Metzger Gratisknochen für den Hund. Einmal sahen die Nachbarn sie im Reifrock auf dem Dach sitzen und den Hammer schwingen - für Handwerker warf Hetty Green kein Geld aus dem Fenster.

Was die Treuhänder ihr von ihrem Einkommen auszahlten, investierte sie konsequent. Es verdoppelte sich, verdreifachte, vervierfachte sich. Sie machte fünf Millionen daraus, zehn, zwanzig, fünfzig.

Als sie entdeckte, dass ihr Mann pleite war und auf ihr Vermögen Schulden gemacht hatte, zahlte sie zähneknirschend - und ließ ihn sitzen. Wenn Geschäftspartner glaubten, eine Frau über den Tisch ziehen zu können, schlug sie unerbittlich zurück.

Eisenbahnen, Ölquellen, Goldminen, Bürotürme…

In den Jahrzehnten zwischen dem Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg wurden ungeheure Vermögen angehäuft, und Hetty Green war die einzige Frau im Becken der Finanzhaie, in der Liga von John D. Rockefeller, J. P. Morgan, Andrew Carnegie und den Vanderbilts. Aber während diese sich Paläste bauten, hauste Hetty Green in kleinen Apartments in schäbigen Vierteln. Sie sparte die Kosten für ein Büro und erledigte ihren Papierkram im Schalterraum ihrer Hausbank - deren größte Anteilseignerin sie war.

Sie besaß Eisenbahnen, Ölquellen, Goldminen, Farmland, Bürotürme, ganze Wohnblocks in New York, Chicago, Boston und San Francisco, Telefongesellschaften und Kohlebergwerke. Aber sie lief zu Fuß durch einen Schneesturm, weil ihr die Droschke zu teuer war. Zahllose Anekdoten über ihre Filzigkeit kursierten; ganz Amerika spottete über die exzentrische "Witch of Wall Street", die "Hexe der Wall Street" in ihren alten schwarzen, grünlich verblichenen Röcken und ramponierten Hüten. Doch sie hatte die Finanzwelt dazu gebracht, sie ernst zu nehmen.

Als die Presse im Juli 1916 den Tod der reichsten Frau Amerikas meldete, schrieb die New York Times: "Nur die Tatsache, dass Mrs. Green eine Frau war, machte ihre Karriere zum Gegenstand endloser Neugier und Kommentare. Sie hatte den Mut, zu leben, wie es ihr gefiel."


2