Bayern 2 - Das Kalenderblatt


3

19. Juli 1994 In London springt Schokoladen-Springbrunnen an

Einfach mal dekadent sein, in der Verschwendung schwelgen, eintauchen in ein Bad aus purer, köstlicher Schokolade. Gibt es nicht? Gab es sehr wohl einmal: sprudelnd und blubbernd in einem Londoner Park. Autorin: Prisca Straub

Stand: 19.07.2016 | Archiv

19 Juli

Dienstag, 19. Juli 2016

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Noch nie hat es in den Kensington Gardens im Herzen von London einen solchen Besucherandrang gegeben. 50.000 sind gekommen - und sie alle wollen sich berauschen an einem Stück spektakulärer Maßlosigkeit: Mitten im üppigen Grün des Parks steht ein gut drei Meter breites, kreisrundes Bassin. Bis an den Rand gefüllt mit einer tiefbraunen, glänzenden Masse. Am Nachmittag des 19. Juli 1994 ist es dann endlich so weit: Der Schokoladen-Springbrunnen springt an!

Schoki Marsch!

Am nächsten Morgen sind Helen Chadwick und ihr wollüstiger Springbrunnen in aller Munde: Doch die junge Britin experimentiert nicht nur mit Schokolade, sondern auch mit Küchenabfällen, Tierhäuten und Innereien. Sie hat dekorative Arrangements aus Schweinedärmen geschaffen. Und giftig-bunte Werke aus abgeschnittenen Lämmer-Zungen. Chadwick erzeugt Brechreiz und verführt zugleich. Beim Anblick einer Dose mit wimmelnden Fischködern, gesteht sie den Reportern, gerate sie in Entzücken.

Gulp

Und dann natürlich - ihre berühmten "Piss-Flowers". Ein Dutzend hüfthoher, blitzweißer Blumen mit fein verästelten Kelchen. Für die fragilen Gebilde hatte Helen Chadwick wochenlang die Hosen heruntergelassen: Die Hohlräume, die ihr warmer Urinstrahl im Tiefschnee hinterließ, goss sie erst mit Gips aus - und dann in Bronze. Zerbrechlich wie fein gesponnenes Zuckerwerk. Darf diese Künstlerin in die renommierte Tate-Gallery? Ins feine Victoria and Albert Museum? Aber ja doch! Denn die Londoner sind begeistert von der Erotik mit Ekel-Effekt!

Wie würden sie wohl heute auf Helen Chadwicks Werke reagieren? Die Künstlerin selbst kann die Probe aufs Exempel nicht mehr machen, denn sie starb wenig später mit nur 42 Jahren. Doch wer wollte heute noch arglos seinen Finger in eine Schokoladen-Fontäne tauchen? Wer würde es wagen, sich öffentlich zu Maßlosigkeit zu bekennen, zu sinnlosem Luxus und purer Verschwendung? Wäre das nicht in höchstem Maße politically incorrect? So eine Vergeudung! Von Nahrungsmitteln! Mit Sicherheit nicht einmal fair getraded und ganz bestimmt von skandalös unterbezahlten Kakaobohnen-Pflückerinnen geerntet. - Herrje! - Selbst wenn der Kakao in den Kensington Gardens gar nichts wäre im Vergleich zu dem, was jeder Supermarkt heute Tag für Tag an abgelaufener Ware wegwirft. - Nein, ein Schokoladen-Springbrunnen wäre ganz bestimmt - ganz und gar - ausgeschlossen! - Die Unschuld ist dahin. Das schlechte Gewissen hat uns im Griff. Statt Besucherströme gäbe es heute Protest-Veranstaltungen. - Schade eigentlich.


3