Bayern 2 - Das Kalenderblatt


1

16. Dezember 1897 William Terriss wird zum Gespenst

Er war ein Star der Londoner Theater-Szene. Das Publikum liebte Richard Terriss, bis ein verrückter Kollege ihn umbrachte. Seitdem soll Terriss seine größte Rolle spielen - als Gespenst. Autor: Xaver Frühbeis

Stand: 16.12.2015 | Archiv

16 Dezember

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Autor(in): Xaver Frühbeis

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

William James Lewin war ein Mann des Abenteuers. Erst Studium in Oxford, danach Silberminen in Amerika, Schafzucht auf den Falklandinseln und Teehandel in Indien, und irgendwann, als er genug gesehen hat von der Welt, geht er zurück nach London, nimmt den Namen "William Terriss" an und wird Schauspieler. Terriss ist ein großartiger jugendlicher Held, sie nennen ihn "Breezy Bill - den flotten Willi". Er spielt Robin Hood und Ivanhoe, die Kritiken sind bestens, das Publikum liebt ihn, und dann, eines schönen Abends, auf der Höhe seines Ruhms, wird William Terris erstochen. Direkt vor seinem Theater, kurz vor der Vorstellung, von einem Kollegen namens Richard Archer Prince, genannt "Der verrückte Archer".

In der Tat verrückt!

Terriss und Prince kannten einander. Prince war ein Trinker, unzuverlässig, immer auf der Suche nach Arbeit, doch sobald ihm Terriss mit einer kleinen Rolle aus der Patsche geholfen hatte, benahm sich Prince prompt daneben und wurde rausgeworfen. Es gibt in London eine lobenswerte soziale Einrichtung, einen "Fonds für in Not geratene Schauspieler". Über diesen Fonds hat Terriss dem bedauernswerten Prince immer wieder kleine Summen zukommen lassen. Er musste nur hingehen und sich ein wenig Geld auszahlen lassen, um über den Tag zu kommen. Das brachte selbst Prince zuwege, bis an jenem 16. Dezember 1897, wo man ihn abweisen musste. Das Büro des Fonds hatte geschlossen, er sollte morgen wiederkommen. Prince hatte sofort Terriss im Verdacht. Erwar schuld, dass das Büro zu hatte, er war schuld, dass es nicht vorwärts ging mit Prince, überhaupt war er schuld an all den Demütigungen und allem Ungemach, und das musste jetzt endlich gesühnt werden.

Der "verrückte Archer" machte sich auf den Weg zum Adelphi Theater und wartete, im Dunkel der Dämmerung und der Pfortenmauern, auf Terriss. Und als der zur Abendvorstellung kam und sich in einer schmalen, düsteren Seitenstraße anschickte, die Tür zu seinem privaten Bühneneingang aufzuschließen, stieß Prince dreimal zu, mit einem Dolch, in Brust und Rücken von William Terriss.

Passanten hielten ihn fest, und während die schnell eingetroffene Polizei die Menschen daran hinderte, Prince auf der Stelle zu lynchen, starb währenddessen im Innern des Theaters William Terriss, unter den entsetzten Augen seiner Kollegen und in den Armen seiner Freundin und Bühnenpartnerin. Einige Wochen später wurde der "verrückte Archer" in einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess tatsächlich für verrückt erklärt und in eine Heilanstalt für Kriminelle verbracht.

I’ll be back!

Um Terriss hingegen trauerte ganz London, und seine Fans munkelten, die letzten Worte des großen Schauspielers hätten gelautet: "I'll be back - Ich komme wieder". Die, die dabei gewesen waren, als er starb, hatten das zwar nicht gehört, aber wiedergekommen ist Terris trotzdem. In der Londoner U-Bahn, Haltestelle Covent Garden, wird bis heute immer wieder mal von Streife gehenden Beamten in den nächtlichen Fluren und Gängen, wenn da schon längst niemand mehr sein sollte, ein einzelner Herr gesichtet: altmodisch gekleidet, von distinguiertem Äußeren. Wenn man ihn anruft, reagiert er nicht. Wenn man einen Kumpel holt und zu zweit nach ihm sucht, ist er verschwunden. Zeigt man den Beamten Bilder des Schauspielers William Terriss, erkennen sie ihn wieder. Und sie fragen sich, was er da wohl sucht im Untergrund...

Die Antwort ist einfach: An der Stelle, wo heute die U-Bahn hält, stand der Laden seines Lieblingsbäckers. Ein englischer Schauspieler macht keine Abstriche bei seiner Lebensqualität, selbst dann nicht, wenn er längst tot ist. Wir sollten uns ein Beispiel nehmen.


1