Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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10. April 1925 Erstes öffentliches Theremin-Konzert

Es ist das einzige verbreitete Musikinstrument, das berührungslos gespielt wird und dabei direkt Töne erzeugt. Sein Name geht auf den Erfinder, den Russen Lew Termen, zurück, der sich in den USA Leon Theremin nannte. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 10.04.2017 | Archiv

07 April

Freitag, 07. April 2017

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Russland 1920. Lenin träumt: von gewaltigen Staudämmen und mächtigen Kraftwerken, von Turbinen und Generatoren, von einem gigantischen Elektrifizierungsprogramm, das unerschöpfliche Energie in jeden Winkel des Riesenreichs lenkt.

Die Musikalität der Elektrizität

Elektrizität! Schöpfergeist der Maschinen-Moderne, Erlöser der Menschheit aus Knechtschaft und Plackerei! Den Hymnus der neuen, der elektrischen Zeit singen viele. Auch Lew Sergejewitsch Termen. Der Musik mit sieben Jahren, der Elektronik mit neun verfallen, bleibt er lebenslang ein Grenzgänger zwischen Technik und Kunst. Er studiert Cello, dann Physik in Petersburg. Mit 20 arbeitet er am Physikalisch-Technischen Institut seiner Heimatstadt, begeistert sich für Hochfrequenzphänomene, erfindet den Bewegungsmelder und quasi nebenher das erste Elektro-Instrument der Welt. Er nennt es Termenvox, später Theremin.

Der Zauberkasten ist ein Stehpult auf staksigen Beinen, aus dem zwei Antennen wachsen. Eine steigt senkrecht empor, die zweite sprosst schleifenförmig seitwärts aus. Keine Tasten, keine Saiten. Dafür Technik satt im Inneren: Röhren, Spulen und Oszillatoren, die elektromagnetische Felder um die Antennen legen. Jede Handbewegung im Nahbereich der Metallstäbe "verstimmt" die Schwingkreise, Lautsprecher machen die Störung als Tonhöhenschwankung hörbar. So lässt sich das Theremin berührungsfrei spielen. Allein das "Umgarnen" der Antennen, das Vordringen und Zurückziehen der Hände erzeugt ein seltsam körperloses, geisterhaft schwebendes Glissando über mehrere Oktaven.

Prometheus der elektrischen Musik

Lew Sergejewitsch verfeinert das Instrument, perfektioniert sein Spiel, tritt öffentlich auf. Am 10. April 1925 gibt er ein spektakuläres Konzert in der Petersburger Philharmonie. Der Saal ist brechend voll.

Vor Tausenden zelebriert Termen das Hochamt ästhetisch gebändigter Elektrizität: Mit bloßen Händen beschwört, bannt, formt er die unsichtbare Kraft. Ist Prometheus, Priester, Prophet und Gaukler zugleich.

Auftritte in ganz Russland, in Deutschland, Italien, Frankreich, England folgen. Dann der Olymp: Termen erobert Amerika. Er heißt jetzt Leon Theremin, ist berühmt, bespielt die größten Häuser. Höher hinauf geht es nicht. Aber umso schneller bergab.

Ende der 30er-Jahre hat sich der Hype überlebt. Es wird still um das Theremin. Bis es Hitchcock 1945 für seinen Film "Spellbound" wiederentdeckt. In den Traumszenen des Psychodramas zersetzt der trancehafte, schlingernde Klang die Koordinaten der Wirklichkeit, schickt die Ohren auf mäandernde Höllenfahrt, gräbt immer tiefer hinab in verschüttete Gedächtnisgründe. 1951 untermalt ein Theremin den Science-Fiction-Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand": Der Ufo-Sound ist geboren. Von jetzt an ist das Instrument für Todesstrahlen und Invasionen aus dem All, für atomare Apokalypsen, mutierte Monster und generell für alles zuständig, was mit Tentakeln, Klauen, Beißwerkzeugen oder fliegenden Silberscheiben die Erde heimsucht.

Ein Jahrzehnt lang bürstet das schräge Weltraumgewimmer die Trash-Juwelen der 50er-Jahre auf Grusel und Gänsehaut. Dann ist die Luft raus: Abgenudelt, ausgelutscht, vorbei. Wieder gerät das Theremin in Vergessenheit. Diesmal für lange. Erst in den 90er-Jahren küsst die junge Elektroszene das schlummernde Dornröschen wach: Zeit für eine neue Metamorphose, einen neuen Traum!


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