Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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10. Januar 1992 Tausende Quietsche-Entchen gehen über Bord

Bei einem Schiffsunglück landet eine Armada-Quietscheentchen im Nordpazifik. Und wenn sie nicht gestrandet sind, dann schwimmen sie noch heute. Autorin: Prisca Straub

Stand: 10.01.2017 | Archiv

10 Januar

Dienstag, 10. Januar 2017

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Eigentlich waren sie für sanft plätscherndes Badewasser bestimmt - stattdessen bricht tosendes Unwetter über sie herein: Es ist der 10. Januar 1992. Eine Frachter-Ladung Quietsche-Tierchen aus Plastik auf der Überfahrt von Honkong in die USA gerät in halsbrecherisches Schlingern. Drei Container reißen sich aus der Befestigung und rutschen über Bord. Die meterhohe Gischt reißt die Verriegelung auf - und eine fröhlich-bunte Schwimmtier-Flotte ergießt sich in den Nordpazifik: gelbe Enten, blaue Schildkröten, grüne Frösche und rote Mini-Bieber - knapp 29.000 Tiere in Seenot, 7.200 pro Sorte.

Kuriose Gummitier-Armada

Die kuriose Gummitier-Armada "made in China" ist alles andere als hochseesicher: "made for Tub and Pool", also Badewannen- und Pool-tauglich, so die Gebrauchsanweisung. Eiskalte, meterhohe Wellen? Fehlanzeige! Sonne, Salz und Seevögel? Eigentlich ausgeschlossen! Doch überraschenderweise wird sich bald herausstellen: Es handelt sich um überdurchschnittlich ausdauernde Exemplare!

Nach ihrem Schiffbruch geraten die Plantsch-Tiere zunächst in den mächtigen, subpolaren Meereswirbel - einen kreisförmigen Oberflächenstrom: Gegen den Uhrzeigersinn geht es vorbei an der Küste Alaskas - in Richtung Japan - und wieder zurück nach Amerika. Drei Jahre brauchen die Verunglückten für eine Umdrehung - und hin und wieder wird ein Exemplar an Land gespült - Australien, Indonesien, Chile. Andere verlassen den Pazifik im Norden über die Beringstraße, wo sie im Packeis stranden. Ein paar wenige schaffen es tatsächlich bis nach Grönland und von dort in den Nordatlantik. Elf Jahre nach der Havarie landet eine kleine Vorhut im Nordwesten Schottlands. Als es 2007 schließlich heißt: 'Kurs auf britische Strände!', ist die Presse längst mit von der Partie. Doch die erwartete Invasion der Badeutensilien bleibt aus.

Inzwischen haben sich sogar Meereskundler auf ihre Fährte gesetzt: Mit den Reisedaten der Gummi-Tiere füttern sie ihre Computer. Was für ein Glücksfall! Die Ozeanforscher erstellen Simulationsprogramme. Erkunden Strömungsgeschwindigkeiten und kartieren Schmelzwasserbewegungen. Erstaunlich, was man aus dem beschwerlichen Weg der Quietscher quer über die Ozeane alles ableiten kann. Und natürlich brauchen die Forscher dazu weltweit Hilfe: Freiwillige Hobby-Fahnder teilen rund um den Globus mit, wann immer eine Gummiente gesichtet wird.

Sag mir, wo die Entchen sind

Was die Experten allerdings noch immer nicht beantworten können: Wo hat der Großteil der bunten Flotte Unterschlupf gefunden? Denn nach vor wie ist nur ein Bruchteil angeschwemmt worden. Hat das unverhoffte Outdoor-Leben den Tieren so zugesetzt, dass nur noch Reste vorhanden sind? Nicht sehr wahrscheinlich. Denn inzwischen weiß man: Die Quietsche-Entchen bleichen zwar im Salzwasser aus, und die roten Biber bekommen einen Gelbstich. Doch das macht sie keinesfalls zu Nichtschwimmern. Wo sind sie also?

Vermutlich fahren Abertausende von ihnen nach wie vor im Nordpazifik Karussell. Seemeile für Seemeile. Und Plastik ist langlebig. Weitere 100 Jahre könnten die Tiere locker noch schaffen, heißt es. Mindestens.


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