Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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7. November 1904 Erste Fahrschule Deutschlands gegründet

Der Erwerb der theoretischen und praktischen Kenntnisse zum Führen eines Kraftfahrzeugs - dringend notwendig, schon Anfang des 20. Jahrhunderts ... Autorin: Regina Fanderl

Stand: 07.11.2016 | Archiv

07 November

Montag, 07. November 2016

Autor(in): Regina Fanderl

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Wilhelm II. täuscht sich. Deutschlands letzter Kaiser - der mit dem schneidigen Schnurbart - glaubt noch lange an das Pferd und hält das Automobil für eine vorübergehende Erscheinung. Im Land seiner Großmutter, Königin Victoria, muss dem Vehikel auf Rädern noch bis 1896 immer ein Mann mit einer roten Fahne vorausgehen...

Hohes Tempo verlangt sittliche Festigung

Aber der Straßenverkehr wächst schneller, als gedacht. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts sind auf den meist noch recht holprigen deutschen Pisten schon einige tausend Autos, ein paar hundert Lastwagen und viele Motorräder unterwegs. Allerdings gelenkt von absoluten Laien, die mit dem rasanten Tempo von durchschnittlich 25 km/h nicht zurechtkommen. Spektakuläre Zusammenstöße mit Radfahrern, Pferdefuhrwerken und Fußgängern häufen sich. Das Risiko, dabei das Leben zu verlieren, liegt gut 50 mal höher als heute.

Diesem gefährlichen Treiben will Rudolf Kempf, Kunsthistoriker und Architekt aus dem unterfränkischen Rieneck, nicht länger zusehen und eröffnet am 7. November 1904 in Aschaffenburg die "Erste Deutsche Autolenkerschule". Ein Etablissement mit strengen Regeln: Zugelassen sind nur Männer, die das 17. Lebensjahr vollendet haben und einen selbstgeschriebenen Lebenslauf sowie ein amtliches Sittenzeugnis aus jüngster Zeit vorlegen können.

Am ersten Kurs nehmen 36 sittlich gefestigte Fahrschüler teil: Schlosser, Mechaniker, Herrschaftskutscher und Automobilhändler aus verschiedenen Ländern. Sie lassen sich vom prallen Lehrplan nicht abschrecken und büffeln zehn Wochen lang für die Fächer Landkartenkunde, Physik, Elektrotechnik sowie Motor- und Automobilaufbau. Selbstverständlich sind auch eine Sanitätsausbildung und praktische Fahrübungen zu absolvieren.

Ziel ist - so Kempf in seinen Statuten - "einen Stamm guter Chauffeure heranbilden, die das beste Mittel zur Verhütung von Unglücksfällen und zur Austreibung von Bedenken gegen das Automobil sind".

Dampfkesselüberwacht

Das ist freilich ganz im Sinne der noch jungen Autoindustrie. Die Unternehmen befürchten, dass schlechte Fahrer den Autobesitzern die Lust am Automobil nehmen könnten.

Und die Rechnung geht auf. Schon bald kann die Aschaffenburger Schule auch so genannte Herrenkurse für Offiziere, Ärzte, Fabrikanten, Baumeister und Autobesitzer anbieten.

Einen Führerschein gibt es aber noch nicht. Zwar hat der preußische Staat im Jahr davor die Dampfkesselüberwachungs-Vereine zur Abnahme von Fahrprüfungen verdonnert - der später gern als Lappen bezeichnete Ausweis wird erst 1909 für das gesamte Deutsche Reich eingeführt.

Zu diesem Zeitpunkt existiert Deutschlands erste Fahrzeuglenkerschule in Aschaffenburg aber nicht mehr. Der Chef selbst hat es offenbar nicht so genau genommen mit der Unbescholtenheit und seine Lizenz verloren. Wegen "unsittlichen Verhaltens!


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