Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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2. Dezember 1912 Patent auf Nassrasierer

Zuerst war King Camp Gillettes Idee für seinen Nassrasierer nur praktisch, am 2. Dezember 1901 erhielt er dafür das Patent. Doch im Ersten Weltkrieg retteten die neuen Klingen sogar Leben - und machten den Erfinder schwerreich. Autor: Herbert Becker

Stand: 02.12.2015 | Archiv

02 Dezember

Mittwoch, 02. Dezember 2015

Autor(in): Herbert Becker

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Barba decet virum, sagten die alten Römer, der Bart macht den Mann. Dementsprechend waren bartlose Götter und glattrasierte Herrscher selten.

Viele Frauen finden Bärte erotisch; das ist, wenn man Sean Connery betrachtet, verständlich; im Fall von Wolfgang Thierse kommen einem eher Zweifel. Man sieht ein, dass es für Männer durchaus Gründe gibt, sich das Haar aus dem Gesicht zu schaben. Schon vor Jahrtausenden griffen sie zum Rasiermesser, doch dieses Messer hatte seine Tücken: Es wurde stumpf und musste immer wieder geschliffen werden, vor allem aber fügten sich die Benutzer damit regelmäßig kleinere oder größere Verletzungen zu.

Schluss mit Schleifen!

Erst in der Mitte des 19. Jahrhundert zeichnete sich hier eine Wende ab, nämlich die vom Rasiermesser zur Rasierklinge. Indem man die Klinge in einen so genannten Rasierhobel einlegte, aus dem sie nur ein wenig hervorragte, konnte man Schnittverletzungen weitgehend vermeiden. Der so genannte Sicherheitsrasierer war in der Welt. Geschliffen werden mussten die Klingen anfangs immer noch, doch um die Wende zum 20. Jahrhundert kam in Amerika ein findiger Kopf namens King Camp Gillette auf die Idee, eine doppelseitige Klinge aus Bandstahl in den Hobel zu legen, die nicht mehr abgezogen und geschärft werden musste: Man warf sie stattdessen nach ein paar Rasuren weg und ersetzte sie durch eine neue.

Am 2. Dezember 1901 erhielt Gillette das Patent auf diese Klinge, 1903 nahm er ihre serienmäßige Produktion auf. Im ersten Jahr verkaufte er 51 Rasierapparate und 168 Klingen, aber schon im Laufe der nächsten Jahre gingen Millionen von Gillettes Rasierklingen über die Ladentische, jede einzelne verpackt in ein Papier, auf dem das Konterfei ihres Erfinders mit seinem gepflegten Schnurrbart zu sehen war.

Lebensrettende Rasur

Ein ganz großer Erfolg war für ihn ein Auftrag der US-Armee während des Ersten Weltkriegs. Weil an der Front Giftgas eingesetzt wurde, trugen die Soldaten Gasmasken; um zu gewährleisten, dass diese wirklich dicht abschlossen, mussten die Männer anständig rasiert sein. Mit einem Mal machte der Bart nicht mehr den Mann, vielmehr bedeutete er eine tödliche Gefahr. Also bestellte die Army 36 Millionen Rasierklingen und dreieinhalb Millionen Rasierer - Sicherheitsrasierer wohlgemerkt; im Felde war es gefährlich genug, da sollte wenigstens beim Rasieren niemand zuschaden kommen. Paradox!

Aber in King Camp Gillettes Leben war mehr paradox als nur das. Der selbstbewusste und gewiefte Geschäftsmann beherrschte bald den amerikanischen Markt, betrieb Fabriken in Europa, wurde zum schwerreichen Industrie-Tycoon - und schrieb gleichzeitig Bücher, in denen er die Ideen des utopischen Sozialismus propagierte. Unter anderem entwarf er die Vision einer werbefreien Wirtschaft. Erfolg war ihm damit allerdings nicht beschieden.

Barba non facit philosophum, hieß es bei den Römern - der Bart macht noch keinen Philosophen. Neque rasura, wäre hier anzufügen - das Rasieren auch nicht.


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