Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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2. Januar 1820 Preußen verbietet das Turnen, weil "staatsgefährdend"

Turnen, das war eine frühe Nationalbewegung. Fein, fanden das die Adelsherrscher, solange es gemeinsam gegen Napoleon ging. Aber Turnen für die Demokratie? Verbieten! Autor: Xaver Frühbeis

Stand: 02.01.2017 | Archiv

02 Januar

Montag, 02. Januar 2017

Autor(in): Xaver Frühbeis

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Metternich - hatte Angst. Der Außenminister des österreichischen Kaiserreichs fürchtete sich: vor ein paar Jugendlichen, die im Nachbarland - in der Nähe von Berlin - unter freiem Himmel ihre Leibesübungen machten. Metternich war fest davon überzeugt, dass diese "Turner" - ließe man sie gewähren - sein Lebenswerk zerstören würden. Erstaunlicherweise hatte Metternich recht.

"Turnieren"

Zu Anfang waren sie ihm noch ganz gelegen gekommen. Immer mittwochs und samstags war der Vater dieser neuen "Turnbewegung", Friedrich Ludwig Jahn, mit seinen jungen Leuten zum Turnplatz auf der Hasenheide hinausgewandert. Dort hatten sie an Barren, Reck und Kletterstange Körper und Geist trainiert. Die Jacken und Hosen aus schlichtem Leinen, das Ganze streng diszipliniert, Tabak und Alkohol waren verboten. Die Geräte samt Bewegungsübungen hatte Jahn selbst erfunden, sogar das Wort für das, was sie da trieben, hatte er sich ausgedacht. "Turnen" - nach den Ritter-"Turnieren" der alten Zeit. Die jungen Leute waren begeistert dabei, und binnen kurzem waren an mehr als hundert Orten in Preußen "Turnplätze" entstanden, wo die Jugend sich körperlich fit machte. Als Vorbereitung für den heiß ersehnten Tag, an dem sie endlich die französischen Besatzer aus ihrem Heimatland vertreiben würden. Und als dann der Aufstand gegen Napoleon losging, da standen die jungen Turner tatsächlich Seite an Seite mit Soldaten und Studenten im Kampf. Das war eine Freude für Metternich.

Turnen für ein Deutschland

Jetzt aber - war Napoleon besiegt, und die Preußen turnten immer noch. Und sangen politische Lieder und hielten aufmüpfige Reden. Diese Turner hatten offenbar noch andere, viel ambitioniertere Ziele. Die Befreiung des Vaterlands von Kleinstaaterei und Obrigkeitswillkür. Abschaffung der Aristokratie. Einführung einer demokratisch-freiheitlichen Verfassung. Vereinigung aller deutschen Länder zu einem Nationalstaat.

In Metternichs Ohren klang das alles brandgefährlich nach Umsturz und Revolution. Und als eines Tages ein preußischer Turner den Schriftsteller August von Kotzebue ersticht, den er für einen Aristokratenknecht hält, und die Leute sagen: es sei zwar die Tat verwerflich, das Ziel jedoch höchst lobenswert - da legt Metternich dem preußischen König dringend nahe, das "Turnen" - auf der Hasenheide und überall in seinem Land - zu verbieten. Andernfalls würden diese jungen Leute nicht bloß sein Reich, sondern auch das Metternichs, und wer weiß: sogar ganz Europa in den Ruin stürzen. Das sieht der König der Preußen ein. Im Sommer 1819 lässt er Turnvater Jahn verhaften, und ein halbes Jahr später, am 2. Januar 1820, ergeht eine Kabinettorder mit dem Willen des Königs, dass ab sofort alles Turnen im Lande - bei Strafe - unterbleiben müsse.

Wirklich hilfreich - ist das allerdings nicht. Die Preußen turnen einfach heimlich - "indoor" - weiter, der Turnvater kommt nach fünf Jahren wieder frei, als zwanzig Jahre später der Preußenkönig stirbt, hebt sein Sohn das Turnverbot wieder auf, Metternich wird von seinem eigenen Volk aus dem Land vertrieben, und die Idee, dass die Aristokratie eine angemessene Regierungsform sei, die hat in der Mitte Europas schon bald keine große Zukunft mehr.


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