Deutsche Normalität 22 Jahre nach der Wiedervereinigung
Feiern wir. Nicht nur die bayerische Lebensart auf dem Oktoberfest in München, sondern das ganze Land, ja, die Nation. Am 3. Oktober, kommenden Mittwoch. Deutschland ist seit 22 Jahren wiedervereinigt. Ist es auch wieder „normal“? Und was heißt das überhaupt?
Lange Jahre nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes war Deutschland die Nation der Sünder. Erst der SPD-Kanzler Gerhard Schröder sprach wieder trotzig von der Normalität eines Landes, das unter seinem Vorgänger wiedervereinigt worden war. Wie normal sind wir jetzt?
Uns zur Feier
Wieder einmal soll es die große Sause werden, dieses Jahr in München: Der Tag der deutschen Einheit. Da kreuzen sich nationaler Taumel und das dumpf herrliche Oktoberfest. „Schwarz-Rot-Gold unter weiß blauem Himmel“, lautet die Farbenlehre aus der Staatskanzlei dazu. Das kann ja nur eine wahre Freude werden. Doch warum eigentlich feiern wir uns selbst?
Und welche Rituale sind dazu geeignet, die Scham von einst zu überwinden und einen Nationalstolz herzuzeigen, der auch nicht peinlich ist? Fahnen und Hymne? Gewiss. Popmusik und Tralala? Na, klar. Spätestens während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 haben wir bewiesen, dass wir uns selber wieder feiern können. Gerhard Schröder mochte den Wind der Skorpions, andere pilgern, um deutsche Freuden zu genießen, nach Bayreuth. Wir sind schon ein seltsames Volk, Spaßbremse und Zeremonienmeister in einem.
West-östlicher Diwan
So hieß einst eine, ach was, die Gedichtsammlung unseres dichtenden Nationalhelden Johann Wolfgang von Goethe. Heute kann man den kleinen Bindestrich kaum mehr lesen, ohne an Kohls blühende Landschaften und die mancherorts immer noch traurige Realität zu denken. Gleiche Lebensverhältnisse hüben wie drüben, in den neuen wie den alten Ländern, wurde uns versprochen und will das deutsche Grundgesetz. Bis dahin dürfte der Weg aber noch immer sehr weit sein. Weniger weit ist es bis zur gnädigen Verwischung der Grenzen und Unterschiede. 22 Jahre sind eine lange Zeit, die folgenden Generationen spüren kaum mehr spüren oder lassen spüren, woher sie kommen, aus dem Osten oder aus dem Westen der beiden alten deutschen Staaten BRD und DDR. Ja, sicher, die Bundesrepublik gibt es noch immer, doch die alte ist sie eben auch nicht mehr, sondern deutlich runderneuert schon dank einer Kanzlerin und eines Präsidenten aus dem einst wilden Osten.
Gsuffa
Im Feiern macht uns keiner so schnell was vor. Derzeit tobt das immer internationaler werdende Münchner Oktoberfest, die Einheitsfeierlichkeiten geben wir heuer dazu. Wir, die Münchner, soll das heißen.
Auf den Rausch folgt leicht ein Kater - um dem vorzubeugen, werfen wir die Kopfschmerztablette schon vorher ein und nehmen uns vor, ein Glas weniger zu trinken (bekanntlich ist die letzte Maß schuld am nächsten Morgen) und uns noch inniger zu freuen über betrunkene Italiener und Neuseeländer und ein Deutschland, das doch zufrieden sein kann. Immerhin sind wir nicht mehr böse und für den alten Kontinent Europa nicht mehr Kriegstreiber, sondern der etwas zu gute Retter des Euro. Wenn das mal keinen Rausch wert ist - eins, zwei, gsuffa!
Die Themen im Einzelnen
- Sich selbst feiern? Auch wir Deutsche haben wieder Rituale (Wolfgang Vichtl)
- West-östlicher Diwan - Kanzlerin und Präsident kommen aus dem Osten (Achim Wendler)
- Ost-westliche Büßerbank - von wegen gleiche Lebensverhältnisse (Anita Fünffinger)
- Wieder wer? Schröders Normalität ist noch immer sehr weit weg (Rainer Volk)
- Geduld, Propaganda und noch mehr Geld. Ein Vorbild für Europa? (Philipp Daum)
- Ätsch. Warum wir trotzdem nicht feiern. Glosse (Anton Rauch)
Redaktion und Moderation: Lukas Hammerstein
Musikauswahl: Roland Spiegel

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