Ad ACTA! Von der Aufregung um die digitale Freiheit
"ACTA" klingt nach Latein, ist aber modern. Das Welt-Abkommen gegen Produktpiraterie spaltet die Geister. Es soll den Schutz gegen die Gratis-Kultur im Web verbessern, Kritiker fürchten mehr Zensur im Netz. Ein Zeichen, dass keiner weiß, wo die digitale Welt hinführt?
Beim Biedermeier-Maler Carl Spitzweg liegt der "arme Poet" im Bett seiner Dachkammer: In der frühen Neuzeit gab es weder Verwertungsgesellschaften noch Urheberrechte. Das digitale Zeitalter scheint in mancher Hinsicht wieder zurück zu gehen in diese Epoche:
Das geistige Eigentum von Kultur- schaffenden gilt im Internet nicht viel. Dabei halten sich viele Schriftsteller, Musiker, Jour- nalisten, die heutzutage 'frei' arbeiten, nur mühsam über Wasser. Würde ACTA sie besser beschützen?
Der Nutzen für die Großkonzerne
ACTA-Kritiker meinen: Das weltweite Abkommen schützt vor allem die großen Firmen der Kulturindustrie, egal ob Hollywood-Produktionen, Motown-Label oder Verwertungsgesellschaften wie die deutsche GEMA, die die Rechte von Komponisten und Textdichtern verwaltet. Kleinere Produzenten und 'Independent'-Hersteller von Kulturgütern werde ihr Überleben durch den neuen Vertrag hingegen nicht erleichtert. Die Debatte tobt heftig, gerade auch unter den Produzenten selbst.
Die Furcht vor Zensur
Als Anfang Februar plötzlich Hunderttausende auf die Straßen gingen in Deutschland, um gegen ACTA zu demonstrieren, da waren selbst die Aktivisten überrascht.
Viele Internet-User glauben, das Abkommen werde die Zensur im Web erleichtern, weil die Provider auch die Nutzer überwachen müssten – sonst machen sie sich bei Verstößen gegen das Urheberrecht strafbar. Die Furcht zeigt zumindest eines: das Internet hat bei jungen Menschen einen sehr hohen Stellenwert erreicht. Sie definieren Freiheit über den Webzugang.
Netzpolitik statt twittern
Die etablierten Parteien tun sich schwer mit ihrer Netz-Politik, sogar die sonst so modernen Grünen konnten sich bisher nicht auf eine Strategie einigen. Nutznießer dieser politischen Ratlosigkeit war zuletzt die Piratenpartei. Sie weiß zwar wenig von der Krankenhausstruktur-Reform, kennt aber die Sorgen und Nöte der User. Führende Köpfe der "Volksparteien" entdecken dagegen gerade erst die Verlockungen von Twitter und Facebook, wie unlängst Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU). Verschlafen die 'Großen' eine Revolution?
Der Wilde Westen des 21. Jahrhunderts
Was die Jugend dagegen kaum erkennt, ist das Geschäft, das hinter den Social Media und den Download-Diensten steckt.
Im Netz wird Geld verdient – der Facebook-Börsengang ist ein Milliarden-Deal, generell sind die Welt-Konzerne, die sich im Web bewegen, inzwischen sehr profitabel. Es gilt jedoch der Spruch: "Das Internet ist der Wilde Westen des 21. Jahrhunderts" – es gibt Gewinner und Verlierer, wie damals bei den Rindern gibt es heute IT-Barone und -Diebe.
Alles haben, nichts besitzen?
Ändert sich eventuell sogar unser Kultur-Begriff im Augenblick radikal? Es gibt Anzeichen dafür: Man muss keine CD mehr kaufen, sondern kann sie sich downloaden. Bücher gibt es als E-book. Das Haptische wird weniger wichtig.
Geradezu mystisch reden die Kenner des Zeitgeists von der "cloud", in der es demnächst Kultur gebe: in Netzwerken, als in Zentralspeichern digitalisierte Güter. Utopien werden laut, von einer neuen Teilhabe: alle haben Zugang zu Wissens-Ressourcen – aber der materielle Besitz ist nicht mehr wichtig. Kann das funktionieren – oder würde selbst Karl Marx da lachen?
Jazz und Politik, 25.02.2012
- Mein Werk, Dein Werk – Lob des Urheberrechts aus der Sicht des Autors (Lutz Rathenow)
- GEMA wildern: von der Gratis-Kultur im Internet (Roderich Fabian)
- Die Angst vor der Zensur: Was wollen die Anti-ACTA-Demonstranten? (Anton Rauch)
- Schnarri d’Arc – oder: die heilige Sabine der Kulturschaffenden (Achim Wendler)
- Mit dem Netz verdienen – warum sich niemand über Google, Facebook und Twitter empört (Wolfram Schrag)
- Alles teilen, nichts haben? – über die Zukunft der kulturellen Teilhabe (Christian Schiffer)
Redaktion & Moderation: Rainer Volk
Musikauswahl: Roland Spiegel

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