Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Bilder aus dem Weltraum Satelliten im Dienst der Menschenrechte

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte: Wenn ein Satellitenbild aus der Vogelschau Truppenbewegungen zeigt, brennende Dörfer und zerstörte Häuserblöcke, dann kann das für Menschenrechtsorganisationen wertvolles Beweismaterial sein.

Von: Madeleine Amberger / Redaktion: Nicole Ruchlak

Stand: 15.01.2013

Artilleriekrater in Aleppo, auf Wohnsiedlungen gerichtete Panzerrohre in Homs und Hama, Massengräber in Hula: Diese Information stammt von Satellitenbildern, die die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Auftrag gegeben hat. Denn seitdem in Syrien der Bürgerkrieg tobt, gibt es nur wenig unabhängige Information über die Lage vor Ort. Die Herkunft von außer Landes geschmuggelte Handy-Videos ist immer fragwürdig. Das ist bei Satellitenbildern nicht der Fall, wie der Satellitenexperte Jonathan Drake von der weltweit größten Wissenschaftsorganisation AAAS versichert.

Die AAAS arbeitet Hand in Hand mit Menschenrechtsorganisationen, um die Satelliten-Technologie nutzbar zu machen. Auch die UNO bedient sich der Bilder aus dem All, um die Menschenrechtslage in den Krisenregionen der Welt zu überprüfen.

"Die Bilder sind mit einem Stempel mit Uhrzeit, Datum und zudem eine ganzen Reihe von Metadaten des Satelliten versehen. Es existiert also eine überprüfbare Überwachungskette."

Jonathan Drake, AAAS - American Association for the Advancement of Science

Am Anfang war Porta Farm

Vertriebene aus Porta Farm

Es ist noch nicht so lange her, da mutete die Nutzung von Satellitenbildern für Menschenrechtszwecke geradezu avantgardistisch an. Der Testfall fand 2006 mit Porta Farm statt. Diese Siedlung war vom simbabwischen Regime Robert Mugabe, wie andere Armenviertel damals auch, zerstört worden. Amnesty-Mitarbeiter fanden in Satellitenarchiven ein Foto, als die Siedlung noch intakt war und bestellten dann ein aktuelles Bild von 2006. Mit einem solchen Vorher-Nachher-Vergleich waren Menschenrechtsverstöße noch nie zuvor dokumentiert worden.

"Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte. Wir hatten ein Satellitenbild von Porta Farm von 2002 und eines von 2006, und 2006 war die Stadt zerstört. Sie wurde einfach ausradiert. Plötzlich war die ganze Stadt einfach weg. Und dann lernt man darüber, was da passiert ist. Aus politischen Gründen wurde eine ganze Stadt einfach ausradiert."

Christoph Köttl, Amnesty International USA

Satellitenbilder als Frühwarnsystem

Sieben Jahre nach diesen aussagekräftigen Bildern von Porta Farm zählen Satellitenaufnahmen zum Standardwerkzeug von Menschenrechtsorganisationen. Das vom Schauspieler George Clooney angeregte "Satellite Sentinel Project" überwacht Darfur sowie die unruhige Grenzregion zwischen Sudan und Südsudan. Die Betreiber des Projekts bestellen täglich Bilder bei der privaten Satellitenfirma Digital Globe. Dank dieser flächendeckenden Überwachung fiel ihnen eine verdächtige Truppenansammlung auf. Offensichtlich stand ein Gefecht bevor. Die Aufnahmen veranlasste die Organisation, die Menschen vor Ort zu warnen. Viele ergriffen die Flucht, auch ein Krankenhaus wurde evakuiert - dieses wurde ein paar Stunden später angegriffen.

Satellitenbilder als Beweismaterial in Tribunalen

Es ist nicht damit getan, die Weltöffentlichkeit durch eindrucksvolle Aufnahmen aus dem All zu informieren. Das deklarierte Ziel der Menschenrechtsvertreter: Satellitenbilder als Beweise in Tribunalen vor etwa dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vorzulegen. Doch zuvor müssten die Juristen noch geschult werden. Gerichtlich wurden Satellitenbildern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit bisher in einem einzigen Fall verwendet:  2008 stellte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten Omar El-Bashir aus.

Zu den Dokumenten, die der Staatsanwalt vorlegte, gehörten auch Satellitenfotos von sieben zerstörten Dörfern. Sollte El-Bashir jemals der Prozess gemacht werden, werden sehr viel mehr Fotos aus dem All dazu kommen. Ähnliches könnte auch im Fall von Syrien passieren: Die UNO-Untersuchungskommission erstellt derzeit eine noch geheime Liste von mutmaßlichen Tätern. Sollte diese jemals dem Internationalen Strafgerichtshof übergeben werden, wird auch diese Akte reichlich Bildmaterial aus dem All enthalten.

"Die Staatsanwälte, die Richter und die Verteidiger müssen wissen, was mit dieser weltraumbasierten Technologie möglich ist und was nicht. Viele Menschen glauben, was sie in Hollywoodfilmen sehen, dass man nämlich im All quasi einen Film aufnimmt und in Echtzeit sieht, was die Leute so treiben. Das ist nicht der Fall."

Jonathan Drake, AAAS


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