Raumstation ISS Heute fertig, morgen eine Ruine?
Wie ein gigantisches Insekt kreist sie um die Erde - die Internationale Raumstation. Vor gut zehn Jahren hat die erste Besatzung sie bezogen. Da war sie ein Fanal für Frieden und internationale Zusammenarbeit. Doch heute steht die Zukunft der ISS buchstäblich in den Sternen.
Eines ist sicher: Es gibt weltweit keinen Außenposten, der ein auch nur annähernd so atemberaubendes Panorama auf den gesamten Planeten böte. Über zehn Jahre gibt es jetzt diesen Hochsitz mit der grandiosen Aussicht.
"Von hier sind die Sterne viel klarer. Und wir sehen von der Station aus den ganzen wunderbaren, blauen Planeten."
Dr. Michael Fincke, US-Astronaut
Am 2. November 2000 war auf der Internationalen Raumstation die erste Langzeitbesatzung eingezogen - in eine Baustelle. Was heute in 350 bis 600 Kilometern Höhe die Erde umkreist, ist eine etwas sperrige Konstruktion: 110 Meter lang, hundert Meter breit und dreißig Meter hoch. Ein gigantisches Gerät, das aussieht wie eine spindeldürre Gottesanbeterin, die ihre Flügel ausstreckt.
Wissenschaft im Weltall
"Wenn es dunkel ist und man die Augen geschlossen hat, dann sieht man ab und zu die kosmische Strahlung. Das sind kleine Lichtblitze."
Dr. Thomas Reiter, deutscher ESA-Astronaut
Nun könnte im großen Stil das losgehen, wofür die ISS nach offiziellen Angaben gebaut worden ist: Forschung im Weltraum. Dafür gibt es eine Menge spannender Themen. Ein Beispiel: In der Schwerelosigkeit verändert sich der menschliche Körper. Ohne Erdenschwere werden die Muskeln schlaff und bilden sich sofort zurück. Außerdem erneuern sich die Knochen nicht mehr, sie demineralisieren, wie Mediziner sagen.
Die Zusammenhänge zu klären, ist interessant auch für die Altersforscher, denn die wollen wissen, wie die Osteoporose, also der Verlust der Knochensubstanz vor sich geht und wie man sie aufhalten kann. Mindestens ebenso wichtig als Forschungsthema ist, wie die kosmische Strahlung auf die Astronauten wirkt. Diese radioaktiven Strahlen sind überall im Weltall unterwegs. Auf der Erde schützt die Atmosphäre die Menschen vor dieser auf die Dauer tödlichen Gefahr.
Columbus und seine raren Gäste
Das in Deutschland gebaute, europäische Forschungsmodul "Columbus", an die ISS angedockt seit 2008, enthält eine Reihe sehr anspruchsvoller Labor- und Analysegeräte für Biologie, Medizin, Fluid-Physik und Materialwissenschaften.
Wissenschaft und Industrie würden gerne mehr Versuche im "Columbus"-Labor unterbringen, als dort tatsächlich betreut werden können. Doch europäische Astronauten sind zu selten auf der ISS, höchstens einmal in eineinhalb Jahren, um viel Wissenschaft im All zu machen. Aber nur sie kümmern sich um europäische Forschung. So müssen Forscher manchmal Jahre warten, bis sie drankommen. So viel Zeit haben sie vielfach nicht.
Experimente ohne Wiederkehr
Die Forschung auf der ISS lahmt noch aus einem anderen Grund. Viele Experimente sollten auf der Erde nachuntersucht werden. Vom nächsten Jahr an gibt es indes für sie keine Wiederkehr mehr. Die US-Spaceshuttles bleiben ab 2011 auf der Erde. Seit fast 40 Jahren sind die Flugmaschinen mit derselben, inzwischen betagten Technik unterwegs. Dass sie inzwischen zu einem Sicherheitsrisiko geworden sind, beweist das Shuttle "Columbia", das 2003 explodiert ist und alle sieben Astronauten an Bord in den Tod gerissen hat.
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Da hilft auch das europäische Transportfahrzeug ATV nicht weiter. Das "Automated Transfer Vehicle" fliegt seit 2008 unbemannt zur Raumstation und bringt Nachschub mit, aber keine Astronauten. Doch der Transfer geht nur in eine Richtung, für die Rückkehr zur Erde ist das ATV nicht gedacht. Die russischen "Soyuz"-Kapseln, die künftig Astronauten zur ISS transportieren und zurück, können keine zusätzlichen Lasten mitnehmen.
Die Raumstation und darüber hinaus
Wie es genau mit der Raumstation weitergeht, weiß eigentlich niemand so recht. Die NASA will bis 2016 ein neues Raumschiff an den Start schicken - ob damit ihre Astronauten wieder zur ISS kommen, ist allerdings noch offen.
"Wir haben eine Menge Zeit und Geld investiert, um das Weltraumlabor zu vollenden. Es wäre dämlich, sich gerade jetzt zurückzuziehen, wenn man mit dem Bau fast fertig ist und anfangen könnte, das Ding zu nutzen."
Dr. John Lockeston, National Air and Space Museum, Washington
Für die USA ist die ISS als Bühne für spektakuläre Auftritte von Astronauten nicht mehr so interessant. Vorbei ist die Zeit, als die Raumstation Symbol für die Überwindung des Kalten Krieges und der Blöcke gewesen ist. Jetzt will die NASA weiter hinaus, zu Asteroiden, und dort Astronauten absetzen. Sie will die ISS dann zum Umsteigen für die Reise ins Planetensystem benutzen. Im übrigen können Russland und die Europäische Raumfahrtagentur ESA dort weiterhin ihre Astronauten frei schwebend arbeiten und forschen lassen.
Literatur-Tipp
Dirk Lorenzen: Raumlabor Columbus, Leben und Forschen auf der Internationalen Raumstation, Kosmos-Verlag Stuttgart, 2008
Das Buch besticht durch klare, informative Texte, indes mehr noch durch seine atemberaubenden Illustrationen von "oben" auf die Erde und die nähere Umgebung des Sonnensystems.

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