Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Mars 500 Sinn und Unsinn eines simulierten Weltraumflugs

Sechs Männer für 1,5 Jahre auf 200 fensterlosen Quadratmetern - völlig isoliert und ohne direkten Kontakt nach außen. Wie lange kann das gut gehen? Mars 500 - ein simulierter Flug zum nächsten Planeten und ein prekäres Experiment.

Autor: Florian Hildebrand / Redaktion Miriam Stumpfe Stand: 24.01.2012

Keiner kommt raus, und keiner darf rein: Sie wurden in Moskau in ein Raumschiffmodell 1:1 eingeschlossen und flogen darin virtuell zum Mars und zurück. De facto aber sind sie - drei Russen, ein Franzose, ein Chinese und ein Italiener - keinen Meter von der Erde abgehoben. Davon abgesehen aber sollte alles so sein wie während eines realen Weltraumflugs zum Mars.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern wollte vor allem wissen: Wie kommen die sechs Männer damit zurecht? Wie halten sie es körperlich und seelisch aus, 520 Tage nichts als dieselben Gesichter und Wände zu sehen? Zerfleischen sie sich gegenseitig? Fallen sie in tiefste Depression? Werden sie zu Autisten? Wird ihnen irgendwann sterbenslangweilig und alles egal? Vergehen sie vor Sehnsucht nach ihren Liebsten? Werden sie vor lauter Überdruss krank?

"Das ist eine Erfahrung, die man nur ein Mal in seinem Leben macht, und die man nicht vergisst."

Diego Urbina, IT-Spezialist, Mars 500-Teilnehmer

Täglicher Kampf gegen die Monotonie

Freiwillige der Mars 500-Mission

Spannend für die beteiligten Psychologen war es, mit den Probanden zu erleben, dass nicht die Aggression gegeneinander, sondern die Monotonie des Alltags zum Problem Nr. 1 wurde. Zwar hatten die virtuellen Marsonauten täglich einen Dienstplan abzuarbeiten: medizinische und psychologische Tests, Sport, Putz- und Küchendienst. Tagein, tagaus. Doch spätestens nach drei Monaten begann den sechs Probanden die Zeit lang zu werden. Es fehlte die Abwechslung in Umwelt und Kommunikation. Der Informationsaustausch mit dem Missionskontrollzentrum wurde nach und nach spärlicher. An ihre Familienangehörigen konnten die Probanden ein- bis zweimal die Woche eine E-Mail, gelegentlich eine kurze Videobotschaft schicken.

"Die eigentliche Problematik ist: Wie werde ich mit Monotonie, Ermüdung, und Einsamkeit fertig?"

Dr. Bernd Johannes, Psychologe, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Hamburg

Toleranz und Teamfähigkeit der "Labortiere"

Der Mars 500-Container

Wäre die Isolation für jemanden zu hart geworden, hätte er nur heftig an die Tür nach draußen klopfen müssen. Aber dazu kam es nicht.
Wundern muss das nicht. Für dieses Projekt internationaler Zusammenarbeit war die Mannschaft aus 1.500 Kandidaten ausgesucht worden. Russland, China und Europa hatten einige Millionen Dollar dafür ausgegeben. Ein aufwändiges Unternehmen also. Das hindert, so ohne weiteres aufzugeben. Es lag aber auch an den Kriterien, nach denen die Probanden ausgesucht worden waren. Gefragt war z.B. ein ruhiges, ausgeglichenes und vor allem kooperatives Temperament, "weil" - so ein beteiligter Psychologe - "so ein Langzeitexperiment in Isolation nicht ein einzelner, sondern die Mannschaft übersteht." Deswegen wurden die Kandidaten in Trainingszentren eingehend darauf geprüft, in wie weit sie miteinander auskommen und gemeinsam arbeiten können.

"Wir haben uns manchmal wie Labortiere gefühlt."

Sukhrob Kamolov, russischer Missionsteilnehmer

Tatsächlich liefen durchgehend von morgens bis nachts Kameras in allen Räumen. Ausgenommen waren Nasszellen und Privaträume der Probanden. Mikrophone waren nicht zugeschaltet. Die Psychologen werteten aber das aufgezeichnete Videomaterial aus, um etwas über die Gruppenstruktur und ihre möglichen Veränderungen zu erfahren. "Das wichtigste Ergebnis", sagen sie: "Es war niemand allein, der schlimmste Fall, Isolation in der Isolation ist nicht aufgetreten.

"Das war die entscheidende Fragestellung aller Wissenschaftler: Wie kann ich über einen langen Zeitraum die Leistungsfähigkeit der Probanden erhalten?"

Dr. Peter Gräf, deutscher Missionsleiter, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Köln

Die Macht der Keime

Wer sich im All aufhält, wird nicht gesünder. Warum das so ist, diskutieren die Fachleute noch. Kosmische Strahlung und Schwerelosigkeit mögen eine Rolle spielen, wahrscheinlich auch Stresshormone, die das Abwehrsystem drücken. Im Mars 500-Experiment wurde erstmals die Mikrobiologie an Bord untersucht. Manche Keime, so kam heraus, setzen sich gegen die begrenzte Konkurrenz in der Umgebung besonders gut durch. Welche Rolle das für die Mannschaft hat, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Nun sind sie "zurück", und manch einer fragt sich, ob der Ertrag den Aufwand lohnte. Denn die entscheidenden Belastungen eines Langzeitflugs können nicht getestet werden: der Dauerbeschuss mit kosmischer Strahlung. Außerdem scheint der erste Marsflug in so weite Ferne gerückt, dass sich die Frage stellt: Was soll ein so aufwändiger Test heute, wenn das erste Mars-Raumschiff vielleicht erst in einem halben Jahrhundert startet? Oder war das Ganze möglicherweise nur ein groß aufgezogener PR-Gag der beteiligten Raumfahrtagenturen?