Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Run auf den Südpol Die Eroberung der Antarktis

Sie haben sich heftigsten Schneestürmen, unerbittlicher Kälte und unwirtlichen Eisregionen ausgesetzt, dabei ihr Leben riskiert und auch verloren. Aber sie wollten als Erste auf dem verlassensten Fleck der Erde stehen: dem Südpol

Autor: Florian Hildebrand / Redaktion: Miriam Stumpfe Stand: 14.12.2011

Das Interesse am unbekannten Kontinent Antarktis beginnt bereits tief im 19.Jahrhundert. Als erstes kamen Walfänger und gegen Ende des Jahrhunderts Geographen. Sie wollten wissen: ist die Antarktis ein zusammenhängender Kontinent, oder besteht sie aus verschiedenen Inseln, die gemeinsam von einem riesigen Gletscher überwölbt sind?

Erich von Drygalski

Die erste deutsche und überhaupt eine der frühesten Forschungsreisen in die Antarktis unternahm Erich von Drygalski, einer der führenden akademischen Geographen in Deutschland. Von 1901 bis 1903 leitete er die so genannte Gauß-Expedition ins Süd-Eis. Die Wissenschaftler sammelten erste Daten zur Atmosphären- und Klimaforschung.

Keine zehn Jahre nach Drygalskis Antarktis Expedition wollte der bayerische Forschungsreisende Wilhelm Filchner den Kontinent vom Weddell- bis zum gegenüber liegenden Rossmeer mit Schlitten durchwandern um herauszufinden, wie es um die Landmasse der Antarktis steht. Doch aus dem Plan wurde nichts. Immerhin gab Filchner dem Küstenland am Weddellmeer den Namen seines Geldgebers, des bayerischen Prinzregenten Luitpold. In diesem Gebiet ließen sich später und bis heute die deutschen Antarktisforscher nieder.

Das heroische Jahrzehnt

Roald Amundsen

Robert Falcon Scott und Roald Amundsen brechen 1911/1912 - jeder mit einer eigenen Expedition - zum damals fernsten Punkt der Erdkugel auf. für den Sieg ist Amundsen besser präpariert. Er hatte Erfahrungen gesammelt während einer belgischen Expedition zur antarktischen Küste und bei der Entdeckung der Nordwestpassage 1906.

1911 hatte Amundsen eigentlich zum Nordpol aufbrechen wollen - doch weil ihm Frederick Cook und Robert Peary dort zuvorgekommen waren, beschließt er, für sein Land den Südpol zu entdecken, obgleich der britische Offizier Robert Falcon Scott bereits eine Expedition dorthin ausgerüstet hat.

Es entwickelt sich auf der Antarktis ein groteskes Wettrennen zwischen Amundsen und Scott zum fernsten Punkt der Erde. Am 14. Dezember 1911 erreicht Amundsen den Pol und wird so der am meisten bewunderte Heroe seiner Zeit.

"Wir können es heute nicht mehr nachvollziehen, wie fast übermenschlich anstrengend das gewesen ist, wie unsäglich sie gelitten haben, aber auch, wie groß ihr Triumph nachher gewesen ist."

 Dr. Huw Lewis-Jones, Kurator am Scott Polar Research Institute University of Cambridge, UK

Britische Tragödie

Robert Scott

Robert Falcon Scott kommt erst im Januar 1912, gut einen Monat nach Amundsen, zum Südpol und findet dort die norwegische Fahne vor. Völlig demoralisiert kehrt er um. Je länger sich der Rückweg hinzieht, desto gezielter schlittert die Expedition in eine Katastrophe. Scott und seine Begleiter sind völlig entkräftet, weil sie die schweren Schlitten selbst ziehen, eine in der erbarmungslosen Eiswelt  mörderische Anstrengung. Am Ende kommt Scott in einem mächtigen Sturm nicht mehr weiter. Sie sterben nur wenige hundert Kilometer vor der Basisstation.

Scotts Expedition war zwar viel aufwendiger angelegt, die Ausrüstung aber nicht für die Antarktis geeignet. Der größte Missgriff des Briten aber war, auf die Hunde als Zugtiere verzichtet zu haben. Zu allem macht ihnen schließlich das Wetter die rechtzeitige Rückkehr unmöglich.

"Es war sensationell, dass ein Amundsen mit einer kleinen, vergleichsweise billig ausgerüsteten Expedition vor den Engländern am Südpol gewesen ist, so dass er denen nach der Entdeckung der Nordwestpassage ein zweites Mal eins ausgewischt hat."

Dr. Cornelia Lüdecke, Institut Geschichte der Naturwissenschaften, Universität Hamburg  

Der wahre Held

Antarktis-Expedition des Polarforschers Shackleton

Wie Amundsen und Scott war Shackleton ein beinharter Eroberer-Typ, aber etwas war anders bei ihm. Shackleton nahm etwas auf sich, was den anderen, eher rücksichtlosen, Abenteurern kaum eingefallen wäre. Er setzte sich für seine Mannschaft ein, auch wenn dadurch das Ziel der Expedition gefährdet war. Deswegen ist Shackleton in die Annalen der Antarktis-Heroen eingegangen und dort präsenter denn je. 1914 wollte er die Antarktis durchqueren. Doch sein Schiff versank im Weddellmeer; die Rückkehr wuchs sich zu einer über eineinhalb Jahre dauernden Rettungsaktion aus, mit langen Märschen übers Schelfeis, zwei abenteuerlichen Höllentrips auf dem wildesten Meer der Erde und einer gewagten hochalpinen Eispartie. Am Ende rettete er die ganze Mannschaft aus schier auswegloser Lage -  eine Leistung als Abenteurer und Teamchef, die ihresgleichen sucht. Deshalb ist die Erinnerung an ihn heute so lebendig wie vor 100 Jahren.

"Shackleton ist ja immer gescheitert. Aber er ist der beste von allen, wenn es darum geht, in auswegloser Lage einfach die Situation zu retten. Und er hat ja die Mannschaft immer nach Hause gebracht."

Reinhold Messner, Extrembergsteiger 

Große Gletscher, große Namen

Heute gibt es am Südpol eine feste Unterkunft und über die ganze Antarktis verstreut rund 85 Forschungsstationen. Nur Namen wie "Filchner-Schelfeis", "Amundsen-Scott-Südpolstation", "Drygalski-Insel" und "Mount Shackleton erinnern noch an jene Männer, die vor 100 Jahren das Äußerste gewagt haben und hier Tod oder Triumph  gefunden haben.

Buch-Tipps

  • Tor Bomann-Larsen: Amundsen - Bezwinger beider Pole. 2010, 703 S., zahlreiche Abb., mareverlag Hamburg. Gut recherchierte, ausführliche Amundsen-Biographie
  • Cornelia Lüdecke: Roald Amundsen - Ein biografisches Porträt. 2011, 192 S., mit SW-Abb., Herder-Verlag Freiburg. Spannend erzählte Kurzbiographie von Amundsen
  • Huw Lewis-Jones, Kari Herbert: 77° Süd - Wettlauf zwischen Scott und Amundsen. 2011, 192 S., zahlr. Farb- u. SW-Abb., Theiss- Verlag Stuttgart. Graphisch sehr gut aufgemachte Geschichte der Antarktis-Entdeckung